AUCH PHYSIKER FRAGEN: GIBT ES EIN JENSEITS?

Noch bis vor kurzem hing die Antwort davon ab, wem man diese Frage stellte. Katholischer Bischof, indischer Büßer oder sibirischer Schamane: Wenn auch sonst ihre Gemeinsamkeiten gering sein mögen, einte sie doch die Antwort in diesem Punkt: Spirituelle Welten sind erfahrbare Realität, an der Existenz von Seele und Jenseits gibt es keinen Zweifel.

In der Naturwissenschaft war die Sache ebenso klar: Jenseitsglaube ist Spintisiererei, bestenfalls Spiritismus. Noch gut ist mir ein auch international sehr bekannter Wiener Gerichtsmediziner in Erinnerung, der vor Jahrzehnten angesichts dieser für ihn beinahe obszönen Frage auf sein Skalpell deutete und dem Fragesteller höhnisch entgegenzischte: „Bua, mei’ Lebtag hab’ i sowas no net gsehn.“ (Die Anrede ist durch den Altersunterschied zwischen Ordinarius und Reporter erklärbar und soll jenen nicht als unhöflich denunzieren).

Einsteins „spukhafte“ Einwirkung“
Physiker betrachteten die Sache freilich schon damals etwas anders. Subatomare Welten, das Verhalten immer neuer vorhergesagter und daher mit immer unhandlicher werdenden Ringbe-schleunigern aufzufindender Elementarteilchen und deren theoretischer Unterbau, die Quantenphysik, legten differenziertere Betrachtungsweisen des Kosmos nahe, als die eindimensionale Weltsicht des Positivismus. Aber gleich ein Jenseits?
Gewiß, einer der Urväter, Albert Einstein, war zwar ungewöhnlichen Sichtweisen gegenüber aufgeschlossen, hatte es aber abgelehnt, auf entsprechende Beobachtungen näher einzugehen; er nannte sie „spukhafte Einwirkungen.“ Auch Sigmund Freuds darf man sich in diesem Zusammenhang erinnern: der Vater der Psychoanalyse fand „keine Zeit“ sich mit dem „Okkulten“ – so hieß das damals – zu beschäftigen.

Neue Wechselwirkung „Verschränkung“
Jetzt freilich droht die Debatte darüber aus den Fugen zu geraten; nahezu keine Woche vergeht ohne neue Wortmeldung, die Zahl der Veröffentlichungen ist Legion. Deren Kernaussagen sind überraschend einheitlich. Dass es parallele Welten gibt, steht weithin außer Streit, dass alles alles beeinflußt ebenso (im übrigen eine alte These von Astrologie und Alchemie).
Neben den klassischen Wechselwirkungen (starke, schwache, elektromagnetische, Gravitation) wird eine neue eingeführt, die „Verschränkung“. Sie passiert, wenn zwei Quantensysteme miteinander in Wechselwirkung treten. Aufgrund der relativistischen Sicht, in der die Zeit die vierte Dimension „abgibt“, spielen ähnlich wie in der schamanisch-mystisch erfahrenen Außerzeitlichkeit Zeit und Raum keine Rolle. Die Zeit ist ja eine „Achse“ in diesem Koordinatensystem.

Unabhängig von Zeit und Raum
Die Verschränkung zweier Quantensysteme existiert unabhängig von der Zeit und auch dann, wenn die Untersysteme durch große Entfernungen getrennt sind. Würde also ein Experimentator an einem beliebigen Ort der Erde ein Teilchen messen (was einfach klingt, aber schon bereits nach der 1927 von Werner Heisenberg postulierten Unbestimmtheitsrelation nicht eindeutig ist), wird ein auch weit entferntes Teilchen aufgrund der Verschränkung durch diese Messung simultan, also gleichzeitig, beeinflusst. Die Entfernung – Meter, Kilometer, Lichtjahre – spielt ebensowenig eine Rolle wie die Zeit: Die Beeinflussung geschieht gleichzeitig, also nicht etwa „nur“ mit Lichtgeschwindigkeit, sondern unendlich schnell!
Auch das ist nicht wirklich neu. Physikstudenten schon aus niedrigen Semestern kennen die Prüfungsfrage nach dem Unterschied zwischen Phasen- und Gruppengeschwindigkeit.
Schlussfolgerung: Teile der belebten und unbelebten Welt sind miteinander verschränkt und kommunizieren auf diese Weise miteinander! Schamanisch gesprochen ist eine solche Erfahrung nicht weit von der mystischen entfernt: „Alles hat Seele. Alles kommuniziert mit allem“. Schamanen und Mystiker tun das auch, und in der Regel bewusst.
Der Physiker Hans-Peter Dürr formuliert zudem, dass dieser Dualismus kleinster Teilchen nicht auf die subatomare Welt (den Mikrokosmos) beschränkt ist, sondern auch im Makrokosmos vorkommt. Daher gibt es laut Dürr eine Seele und eine Existenz nach dem Tode: „Was wir Diesseits nennen, ist im Grund die Schlacke, die Materie, also das, was greifbar ist. Das Jenseits ist alles Übrige, die umfassende Wirklichkeit, das viel Größere. Das, worin das Diesseits eingebettet ist. Insofern ist auch unser gegenwärtiges Leben bereits vom Jenseits umfangen“.

Dantes „Göttliche Komödie“ geleitet den Physiker
Sehr nett gestaltet der Schweizer Astrophysiker Bruno Binggeli seine Beweisführung: Er legt ihr das literarische Vorbild von Dantes „Göttliche Komödie“ zugrunde, eine kosmische Erfahrung, die zu jener Zeit durchaus nicht auf Dante beschränkt war und die man als schamanische Reise interpretieren kann. Die Ursache ist für Binggeli systemkonform der Urknall, der am Beginn des Universums stand, als gleichermaßen „religiöse wie naturwissenschaftliche Funktion – es ist das Symbol des Selbst, der Ganzheit, des Ursprungs und des Ziels.“ Kreativ sagt Binggeli „Mesokosmos“ zu dem, was der tuvinische Schamane als „Weiße Welt“ und wir mit Carlos Castaneda und Michael Harner als „Mittlere Welt“ bezeichnen.
Nachsatz zur Ursache: Gerade ihr haben die Menschen seit jeher sehr verschiedene Namen gegeben. Glaubenskriege wurden geführt, Märtyrer ließen in römischen Stadien, im Tigris, auf christlichen Scheiterhaufen, in sowjetischen Gulags und an unzähligen weniger bekannten Orten ihr Leben. Die Debatte macht Hoffnung nicht nur auf ein konsensfähiges Verständnis des Kosmos, sondern auch auf ein toleranteres.

Quellen
Binggeli, Bruno (2003): Primum Mobile. Zürich: Ammann.
Froböse, Rolf (2008): Die geheime Physik des Zufalls. Quantenphänomene und Schicksal. 2. Aufl. Books on Demand.
Readers edition: Wissenschaft. www.readers-edition
Wikipedia: Stichworte Jenseits, Quantenphysik, Verschränkung, Wechselwirkung. de.wikipedia.org
Zeilinger, Anton (2003): Einsteins Schleier – Die neue Welt der Quantenphysik. München: Goldmann.
Zeilinger, Anton (2005): Einsteins Spuk. München: Goldmann.
Das Dürr-Zitat ist unter www.esoterikforum.at zu finden.

Paul Uccusic (1937-2013) war Journalist und Gründungsdirektor der Foundation for Shamanic Studies Europe.