BLICKE IN DIE ZUKUNFT

Grundlegende Veränderungen vollziehen sich oft innerhalb weniger Jahre. Digitalisierung und Klimawandel scheinen einen derartigen Zeitenwandel einzuläuten, mit allen Chancen und Risiken, die derartige globale Transformationen mit sich bringen.

Mit Schamanismus, einer Jahrtausende alten spirituelle Heilmethode, hat dies auf den ersten Blick wenig zu tun. Genauer betrachtet, zeigt sich allerdings, dass der Schamanismus genau die Verbindung zum Leben und zu uns selbst herstellen kann, die uns so dringend fehlt, um die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen.

Ab den 1970er Jahren haben wir angefangen, Computer und Roboter zuerst in unsere Arbeitswelten, später in unseren Alltag einzuführen, und Arbeit sowie Produktion zunehmend zu automatisieren. Im Wesentlichen ging und geht es dabei um Innovation, um Kosteneffizienz der Produktion und des Handels, um Arbeit, Wachstum und Absatzmärkte. Bis ungefähr 2010 war dies eine stetige Entwicklung, die zwar zu einigen Umstrukturierungen führte, im Großen und Ganzen aber kalkulierbar und beherrschbar wirkte. Heute durchziehen digitale Strukturen und Prozesse unser alltägliches Leben in bis vor kurzem ungeahnten Ausmaß, mit schwer abschätzbaren Folgen.

Auch der Klimawandel war bisher eine eher theoretische, abstrakte Angelegenheit. Jetzt aber sehen wir die ersten konkreten Auswirkungen auf unser Alltagsleben: regelmäßige Dürreperioden, Überflutungen, Stürme und Ernteausfälle, um nur einige zu nennen. Dennoch: wir denken und handeln nach wie vor weitgehend in den alten Strukturen der industriellen Revolution. Wir weigern uns anzuerkennen, dass wir, mit der Ausnahme des Sonnenlichts, tatsächlich auf einer Kugel mit begrenzten Ressourcen leben. Gleichzeitig bleibt nur noch wenig Zeit, die Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen und insgesamt nachhaltig zu wirtschaften – laut des Wissenschaftsmagazins New Scientist gerade noch zwölf Jahre (1). Wir brauchen also rasch neue Ideen, wie wir mit natürlichen Ressourcen umgehen wollen. Und wir werden zusätzlich zu den technischen auch soziale Innovationen erarbeiten und umsetzen müssen.

Schamanismus – eine spirituelle Ökologie
Schamanismus ist in Gesellschaften entstanden, die direkt in und aus der Natur gelebt haben, Jäger und Sammler sowie frühe, halbsesshafte Ackerbau und Viehzucht betreibende Gemeinschaften. Aus schamanischer Sichtbesitzt alles eine Seele – Tiere, Pflanzen, Steine und die Erde. Als in den siebziger Jahren von den Wissenschaftlern James Lovelock und Lynn Margulis die sogenannte Gaia-Hypothese aufgestellt wurde (2), nach der die Erde ein selbstregulierendes System sei (3), trafen sie den Zeitgeist der sogenannten New Age Bewegung und das Bedürfnis nach einem planetaren Bewusstsein. Sie trafen aber auch auf aggressiven Widerstand der klassischen Wissenschaft, der den heutigen Shitstorms in Nichts nachstand. Wann immer die simple Tatsache ausgesprochen wurde und wird, dass dies der einzige Planet ist, auf dem wir leben können und der uns zudem hervorgebracht hat, wurden derartige, selbst wissenschaftlich belegbare, Ansichten schnell als emotional oder religiös abgetan. Um als Spezies zu überleben, benötigen wir jedoch viel mehr von dieser Emotion, viel mehr von Fridays vor Future, von der Verbundenheit mit den Ökosystemen und letztlich einem von Dankbarkeit und Rücksichtnahme geprägten Umgang mit Ressourcen.

Wenn ich diese Zusammenhänge ins Gespräch einbringe, beobachte ich meist zwei, miteinander verwobene Reaktionen: eine oft verborgen zustimmende und eine eher skeptische Haltung. Dies muss nicht verwundern, denn wir haben im Zuge der klassischen industriellen Revolution rund 150 Jahre mit steigendem Wohlstand verbracht. Warum sollten wir etwas so Erfolgreiches aufgeben, nur um auf unsere Gefühle zu hören? Die kurze Antwort darauf lautet, dass uns diese Gefühle genau das Richtige mitteilen – wie uns die Wissenschaft beweisen kann und die Probleme der Wirtschaft bereits zeigen: in dieser Form geht der Weg nicht weiter. An dieser Stelle setzt sehr oft reflexartig und voll im Zeitgeist liegend eine Zuspitzung auf richtig und falsch ein, auf Polaritäten, die nicht zu Ideen und neuen Wegen führt.

Es geht aber auch anders: wenn wir nicht alles sofort bewerten. Was uns zeitgenössische schamanische Gesellschaften zeigen können, ist, wie wir mit den – vermeintlich – weit auseinanderliegenden Denkansätzen der klassischen Wirtschaft und einer animistischen Sicht auf die Welt umgehen können (4). SchamanInnen waren und sind meisterhaft darin, auf den Grenzen zu wandeln und mit ihren divinatorischen Techniken ihre Sicht über das normal Sichtbare hinaus zu erweitern. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind so groß, dass wir jede kreative Idee benötigen, die Menschen hervorbringen können. Warum also nicht auf die uralten, transkulturell und über die Zeit bewährten Ansätze (5), Ideen und divinatorischen Fähigkeiten der SchamanInnen zurückgreifen, die schon unseren Vorfahren halfen, mit der Natur zu leben und zu überleben.

Künstliche Intelligenz
Digitalisierung ist, wie oben erwähnt, nicht neu, begleitet uns seit spätestens den 1970er Jahren. Was neu ist, ist die Geschwindigkeit der Veränderung, das Durchdringen des kompletten Alltags und der beginnende Konflikt zwischen Mensch und Maschine (ein Programm, ein elektronisches Gerät, ein Automobil, ein Roboter, etc.) – wobei auch diese Grenze immer mehr verschwimmt.

Seit den ersten Schritten in Richtung künstliche Intelligenz durch maschinelles Lernen (machine learning) erleben wir, dass Maschinen und Software zunehmend in der Lage sind, selbstständig zu lernen und sich Fähigkeiten anzueignen, die bisher uns Menschen vorbehalten waren. Sie können GO auf einem Niveau spielen, das Menschen nicht mehr erreichen, Sprache, Bilder und Gesichter besser erkennen als wir, sie fangen, an Musik zu komponieren und Bilder zu malen, und unsere Vorlieben und Wünsche besser zu verstehen als unsere engsten Angehörigen. Eine Welt, in der wir rund um von intelligenten Maschinen assistiert werden, liegt nahe.

Ob wir aber jemals eine autonome und mit Bewusstsein ausgestattete künstliche Intelligenz erleben werden, ist nicht sicher – auch wenn dies immer wieder zu lesen ist. Yuval Noah Harari führt diesbezüglich drei grundlegende Möglichkeiten an (6). Die erste Möglichkeit besteht darin, dass Bewusstsein an die Biologie gekoppelt ist und damit außerhalb eines biologischen Organismus nicht realisierbar wäre. Die zweite, dass wir intelligent handelnde Maschinen mit emotionalem Erkennen erzeugen können, die aber kein Bewusstsein in unserem Sinne aufweisen. Nach der dritten Möglichkeit schließlich hätten wir Maschinen, die tatsächlich intelligent und bewusst denken sowie handeln könnten. Vermutlich wäre dies eine neue Spezies.

Wir könnten uns zurücklehnen und hoffen, dass es nicht so schlimm kommt – so wie wir das schon mal mit dem Klimawandel erfolglos getan haben. Oder – so der Vorschlag von Harari – wir fangen an, uns ernsthaft mit menschlichem Bewusstsein auseinanderzusetzen. Aktuell haben wir nach wie vor keine konkrete wissenschaftliche Theorie darüber, wo und wie menschliches Bewusstsein entsteht bzw. was dafür nötig ist. Wir können wissenschaftlich noch nicht einmal belegen oder widerlegen, ob es andere (nicht menschliche) Formen des Bewusstseins auf unserer Erde gibt. Kandidaten dafür wären etwa Bäume, Rabenvögel, Wale, staatenbildende Insekten, um nur einige zu nennen. Aus schamanischer Sicht stellt sich diese Frage nicht, denn aus der praktischen, schamanischen Erfahrungwissen wir, dass Tiere, Pflanzen und Steine zwar von uns unterschiedliche Bewusstseins-Präsenzen haben, aber sie haben sie. Ergo: Wenn wir uns selber und unsere Lebenszusammenhänge nicht verstehen, werden wir entweder keine wirklich intelligenten Maschinen bauen können – oder Gefahr laufen, die Kontrolle zu verlieren.

Ruf aus der Vergangenheit
Die oben erwähnte Gaia-Hypothese dürfte in die richtige Richtung gewiesen haben: wir müssen die Erde als ein einziges Ökosystem behandeln und unser Handeln neu ausrichten. Und wir sollten anfangen, das menschliche Bewusstsein mit allen zur Verfügung stehenden Methoden gründlich zu erforschen. Schamanen und Schamaninnen haben schon immer die Verbundenheit mit allem, was ist, erfahren, und divinatorische Techniken genutzt, um ihr eigenes Bewusstsein zu erweitern bzw. die Interaktion zwischen Mensch und den anderen Lebewesen zu koordinieren. Nach 250 Jahren Industriezeitalter klingt dies wie ein Ruf aus der Vergangenheit. Wir Menschen und die Erde sind immer noch dieselben, nur die Aufgabe ist größer und dringender geworden.

 

Quellen
(1) Le Page, Michael (2018): Climate change is happening, but how fast? This is what we really know. https://www.newscientist.com/article/mg24032080-200-climate-change-is-happening-but-how-fast-this-is-what-we-really-know/; 02.09.2019
(2) Lovelock, James E. (1972). „Gaia as seen through the atmosphere“. Atmospheric Environment. Vol. 6, Issue 8. 579–580; Lovelock, James E., Margulis, Lynn (1974): Atmospheric homeostasis by and for the biosphere: the Gaia hypothesis. Tellus. Series A. Stockholm: International Meteorological Institute. Vol. 26, Issue1–2. 2–10.; Lovelock, James E. (1979): Gaia: A new look at life on Earth. Oxford: Oxford University Press.
(3) Eine Hypothese, die wir – wenngleich in einem noch holistischerem Sinne – auch aus dem Schamanismus kennen (vgl. etwa Urban, Roland, Huguelit, Laurent (2018): Schamanismus und Ökologie. Wartberg ob der Aist: FSSE).
(4) Oelschlägel, Anett C. (2013): Plurale Weltinterpretationen: Das Beispiel der Tyva Südsibiriens. Fürstenberg/Havel: Kulturstiftung Sibirien.
(5) Harner, Michael (1990): The Way of the Shaman. 3rd ed. New York: Harper One. S. xviii
(6) Harari, Yuval Noah (2019): 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. München: C.H. Beck.

Dipl-Biol. Kai Goerlich ist Zukunftsforscher und Fakultätsmitglied der Foundation for Shamanic Studies Europe.