DIE NUXALK VON BELLA COOLA

„Sie glauben, dass vor langer, langer Zeit Äłquntäm, die oberste Gottheit, die ersten Vorfahren in seinem Haus, Nusmät-a, schuf und sie hinabsandte, um das Tal des Bella Coola zu besiedeln. Diese ersten Menschen kamen in Gruppen von zweien oder dreien, Brüder und Schwestern, oder vereinzelt auch Mann und Ehefrau, jede Gruppe stieg, oftmals in Tierform, zu einem bestimmten Berg hinab, um ihr Heim am Fuße desselbigen zu finden. Sie brachten Tiere und Fische mit sich, Werkzeuge und Häuser, wie auch das Wissen über die zeremoniellen Tänze. Letztlich unterschieden sie sich von den Bella Coola der unmittelbaren Vergangenheit nur dadurch, dass sie über größere übernatürliche Kraft verfügten. Diese ersten Menschen vermehrten sich mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit, bis jede Gruppe zu einem Dorf heranwuchs, untereinander verbunden durch das Wissen ihres ersten, gemeinsamen Vorfahren.“ (1)

Epidemien der ´Weißen´
Jene First Nation (2), die heute als Nuxálk bezeichnet wird, bestand einst aus zumindest 27 Dörfern, im Gebiet des Bella Coola Flusses (3). Wie andere First Nations British Columbias, Kanada, waren die Nuxálk im 19. Jahrhundert den Einflüssen der ´weißen´ Einwanderer ausgesetzt und hatten unter Epidemien wie Pocken, Masern, etc. zu leiden (4). Die Population von ehemals mehreren Tausenden wurde dramatisch reduziert. Aufgrund des Bevölkerungsschwundes bildete sich aus den verstreuten Siedlungen eine First Nation, die Nuxálk. 1922 zählte man rund 300 Überlebende (5), heute kann von circa 850 Menschen ausgegangen werden (6).
Die Nuxálk waren nicht nur von den Krankheiten, sondern auch von der allgemeinen (Siedlungs-)Politik, der Art des Handels, der christlichen Spiritualität sowie dem insgesamten Umgang der Weißen mit der indigenen Bevölkerung British Columbias betroffen. Die Auswirkungen sind bis heute zu spüren: EinwohnerInnen berichten von vergangener Zwangsmissionierung, vor allem im Rahmen der so genannten ´residential schools´ – bei gleichzeitiger Repression bzw. Verbot der eigenen, nativen Spiritualität. Niedriges Bildungsniveau, hohe Arbeitslosigkeit bzw. niedrige Einkommen und der Einfluss von Alkohol sind nach wie vor wichtige Faktoren die kommunale Entwicklung betreffend (7). Gleichzeitig, und parallel dazu, sind ein erstarkendes Selbst-Bewusstsein hinsichtlich der kulturellen Identität und Tradition, politische Selbstorganisation sowie wirtschaftliche Impulse und Initiativen zu erkennen. Wie so oft, ist Geschichte nicht linear zu verstehen, sondern nur unter Berücksichtigung der spezifischen natürlichen und sozio-kulturellen Bedingungen der jeweiligen Population.

Natur und Gemeinschaft
Der Ausgangspunkt zum Verständnis indigener Völker ist das umgebende natürliche Umfeld. Dies bedeutet auch: Will man ihre spirituelle Tradition verstehen, kann die Fokussierung auf Praktiken, Riten und Handlungen leicht irreführend sein, da man dadurch auf einer rein methodischen Ebene analysiert und die zugrunde liegenden Lebensumstände und Weltbilder außer Acht lässt.
Am Beispiel der Nuxalk heisst dies etwa: Die Nuxalk leben in mittelbarer Nähe zum Pazifik, sind durch den Burke Channel bzw. North Bentinck Arm direkt damit verbunden, und in unmittelbarer Nähe zum Bella Coola River, der – zusammen mit den Bergen und Wäldern – das natürliche Umfeld prägt. Entsprechend überrascht es nicht, dass Wasser, Fische und Berge eine zentrale Stellung in Leben und Mythologie der Nuxalk einnehmen. Die zyklischen Wanderungen der Lachse beeinflussen nicht nur Ernährung und damit Gesundheit von Menschen und Tieren, sondern regulieren indirekt auch die Präsenz von Delphinen und Walen im Meeresarm. Das Befahren des North Bentinck Arm mit großen Schiffen führte zu Massensterben und langjährigem Ausbleiben des Kerzenfisches (sputc), der wichtiger Bestandteil der traditionellen Nahrung darstellte, aber auch für die Fischölgewinnung genutzt wurde. Die Nuxalk von Bella Coola stellten 2014 den so genannten ´Sputc Pole´ direkt am Fluss auf – um die Fische zu rufen und wieder willkommen zu heißen. Profanes und Spirituelles, Alltägliches und Nicht-Alltägliches greifen also ineinander.
Erst durch ein Bewusstwerden dieser grundlegenden Zusammenhänge wird ein Verständnis indigener Traditionen möglich. Andernfalls läuft man Gefahr, selektiv wahrzunehmen und ethnozentrisch zu interpretieren. Oder wie Chris Nelson, ein Nuxalk, festhält: „Sie (die ´Weißen´; Anm. d. Verf.) schreiben Bücher über uns. Sie nehmen sich Elemente heraus und setzen diese zusammen, so wie es ihnen passt.“

Arbeit am Gleichgewicht
Unter den Völkern der Westküste British Columbias betrifft die – bei uns interpretativ oftmals überbetonte – Darstellung von so genannten Totem- oder Clantieren auf den geradezu omnipräsenten Pfählen nur eine Ebene der Betrachtung. Vorrangig dienen diese Pfähle der Repräsentanz und Übermittlung der Familien- oder Clangeschichte. Der ursprüngliche Pfahl wurde im Falle der Nuxalk von Äłquntäm übermittelt bzw. von den ersten Vorfahren. Es handelt sich dabei um eine Art Familienchronik, alltägliche wie spirituelle Aspekte beinhaltend – und die inhärente Kraft dieser Gemeinschaft zum Ausdruck bringend. (8)
Insgesamt findet das spirituelle Leben nicht abgekoppelt vom profanen Leben statt, hat vielmehr den Zweck der Erhaltung der Gemeinschaft:
Die mit der Gemeinschaft assoziierten Tiere, repräsentiert u.a. auf den Pfählen, spielen nicht nur im Rahmen spiritueller Praktiken eine Rolle, sondern durchwirken das gesamte Leben. Anders ausgedrückt: diese Tiere sind nicht ´Verbündete´ in unserem Sinne, sondern man selbst ist Teil der entsprechenden Gemeinschaft (z.B. des Rabenclans).
Die Jahrtausende alten Petroglyphen in den Urwäldern Bella Coolas sind Zeugnis – und Identifikationspunkt – der spirituellen Kulturgeschichte der Nuxalk. Sie können als ´heilige Bücher´ verstanden werden, eingraviert in Stein, umgeben von Wald und Wasser.
Die Gemeinschaft – von Menschen und Geistern – muss fortlaufend am Leben erhalten werden, um die Kraft zirkulieren lassen zu können. Dazu bedarf es auch spiritueller Arbeit im engeren Sinne. Ein sehr aussagekräftiges und traditionell bedeutendes Beispiel nordwest-amerikanischer Kultur ist der Potlatch, der nicht nur bei den Nuxalk zu finden ist, sondern vielmehr bei allen Küstenvölkerns British Columbias (und darüber hinaus):
Nachdem die Ernte des Jahres eingeholt ist und das Jahr sich gen Ende neigt, werden im Winter die wesentlichsten Zeremonien abgehalten. Ein Potlatch wurde in der Regel veranstaltet, um wichtige soziale bzw. politische Ereignisse sichtbar und wirksam zu machen – etwa, wenn jemand in eine der Geheimgesellschaften aufgenommen wurde oder ein Wechsel in der Führung der Gemeinschaft bevorstand. Anlässlich eines Potlatches, der in jedem Fall mehrere Tage, teils auch Wochen dauerte, wurden die Nachbardörfern eingeladen; die zahlreichen Gäste fungierten nicht nur als TeilnehmerInnen, sondern darüber hinaus als Zeugen und Zeuginnen (9).
Die wichtigsten Elemente umfassten die feierliche Ankündigung des Anlasses; die Anrufung der Ahnen; die Rezitation (und damit Affirmation) der mündlichen Geschichte, der Gesänge und Tänze; die rituelle Manifestation des Überganges; die festliche Gestaltung; und die Verteilung von Geschenken an die Gäste (10). Jene Familien genossen am meisten Ansehen und Status, die am meisten verteilten. Damit kam den Potlatches nicht nur eine Funktion in Bezug auf soziale Rangordnung und Kommunikation zentraler Ereignisse zu, sondern es dürfte sich auch um interkollektives Verfahren zur langfristigen und nachhaltigen Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes benachbarter Gemeinschaften (derselben Ethnie) gehandelt haben (11).
Potlatches werden auch heute noch abgehalten, wenngleich sie bei den Nuxalk aktuell meist nur noch zwei Tagen dauern: Der erste Tag dient der Würdigung und dem Gedenken der Ahnen; am zweiten Tag erfolgt die zeremonielle Gestaltung des eigentlichen Übergangs (12). Dies bedeutet, dass – selbst wenn vom Umfang her deutlich reduziert – die Essenz der Potlatches nach wie vor erhalten ist und gelebt wird. Durch den Potlatch wird die charakteristische Kraft des betreffenden Kollektivs sichtbar – und der größeren Gemeinschaft zur Verfügung gestellt.
Auch SchamanInnen waren und sind Bestandteil der spirituellen Tradition der Nuxalk. Insbesondere dann, wenn es um die Behandlung der Kranken geht. In den alten Tagen wurde jemand Schamane bzw. Schamanin, der bzw. die durch die Kraft, die ihm/ihr von einem übernatürlichen Wesen verliehen wurde, wundersame Dinge geschehen lassen konnte. In der Regel geschah dies durch den Kontakt zur mythischen Frau Tłitcäpliłän-a, von der man einen Namen, vier Lieder und manchmal die Fähigkeit, eine bestimmte Krankheit zu heilen, erhielt. (13)
SchamanInnen waren und sind wichtig, gleichzeitig aber nur Teil eines größeren Ganzen.

Wider Reduktionismus
Die Nuxalk von Bella Coola können in gewisser Hinsicht als repräsentativ für die First Nations der West-Küste British Columbias gelten: Stark dezimiert und kulturell irritiert durch den Influx der ´weißen´ Siedler und deren Religion, heute wieder erstarkt, langsam an Einfluss gewinnend, vor allem in politischer, wirtschaftlicher, aber auch spiritueller Sicht. Die spirituelle Tradition ist reichhaltig, für den westlichen Betrachter auch schillernd; das Leben von Spiritualität durchwirkt, zumindest für jene, die den traditionellen Wegen etwas abgewinnen können.
Indigene Kulturen, wie jene der Nuxalk von Bella Coola, können uns ´westlichen´ schamanisch Praktizierenden das Gefühl des Eingebettet-seins in eine spezifische spirituelle Tradition näher bringen. Durch die Auseinandersetzung mit diesen Kulturen können wir viel lernen.
Gleichzeitig ist davon Abstand zu nehmen, eine gesamte Kultur auf Spiritualität im Allgemeinen, Schamanismus im Speziellen zu reduzieren. Dies würde der Vielschichtigkeit der natürlichen Umgebungen und des sozialen Zusammenlebens nicht gerecht werden, würde zu einer fragmentierten Sichtweise führen.
Es ist zu wünschen, dass wir nicht versuchen, diese Kulturen vor unserem eigenen Hintergrund zu interpretieren; dass wir nicht versuchen, die althergebrachten Traditionen, Praktiken und Zeremonien zu kopieren bzw. eins zu eins zu übertragen; und dass wir nicht versuchen, den Reichtum all dieser Traditionen zu fragmentieren, jene Aspekte herausfilternd, die in das eigene Weltbild bzw. die eigene Lebensweise passen – und anderes außen vor lassen.
Wir sind nicht Teil einer schamanischen Kultur im klassischen Sinne. Dies ist mit Respekt festzuhalten. Wir können und sollen uns aber berühren und anregen lassen. Um uns letztlich unserer Natur, unserer Kulturgeschichte und unseren heiligen Gesängen, Tänzen, Riten und Praktiken – unserer europäischen Spiritualität und unseren Geistern zuzuwenden.

Quellen
(1) McIlwraith, T.F. (1948; reissued 1992): The Bella Coola Indians. Vol. 1. Toronto, Buffalo, London: Toronto University Press. S. 4.
(2) Als First Nations werden in Kanada indigene Völker bezeichnet, die das betreffende Gebiet bereits vor Ankunft der EuropäerInnen besiedelten.
(3) McIlwraith, T.F., Vol. 1, S. 12.
(4) Vgl. Touchie, Roger D. (2010): Edward S. Curtis: Above the Medicine Line. Portraits of Aboriginal Life in the Canadian West. Vancouver, Victoria, Calgary: Heritage. S. 51.
(5) McIlwraith, T. F., S. 5.
(6) Statistics Canada (2011): Aboriginal Population Profile, Bella Coola 1, British Columbia. https://www12.statcan.gc.ca/nhs-enm/2011/dp-pd/aprof/details/page.cfm?Lang=E&Geo1=CSD&Code1=5945802&Data=Count&SearchText=Bella%20Coola%201&SearchType=Begins&SearchPR=01&A1=All&B1=All&GeoLevel=PR&GeoCode=5945802&TABID=1; 28.10.2016
(7) Vgl. ebda. sowie Thommasen, H.V. et al. (2006): Alcohol drinking habits and community perspectives on alcohol abuse in the Bella Coola Valley. Can J Rural Med., Vol. 11(1):15-22. US National Library of Medicine National Institutes of Health. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16454968; 28.10.2016
(8) Huang, Alice (2016): Totem Poles. http://indigenousfoundations.arts.ubc.ca/home/culture/totem-poles.html; 28.10.2016
(9) vgl. Muckle, Robert J. (2014): The First Nations of British Columbia: an anthropological overview. 3rd ed. Vancouver, Toronto: UBC. S. 71f.
(10) Ebda.; McIlwraith, T.F. (1948), Vol. 1, S. 182ff.. Siehe McIlwraith, T.F. (1948), Vol. 2. für Beschreibungen der konkreten Tänze, Gesänge und Praktiken.
(11) Vgl. Touchie, Roger D. (2010), S. 83f.
(12) Chris Nelson (2016): persönl. Mitteilung. 22.07.2016.
(13) McIlwraith, T.F. (1948), Vol. 1, S. 539ff.

Mag. Roland Urban ist Geschäftsführer der Foundation for Shamanic Studies.