EUROPÄISCHER SCHAMANISMUS – EINE SPURENSUCHE

Quellen und kultureller Wandel
Die Frage, ob es Schamanismus in Europa gab, ist von mehr als nur akademischer Relevanz. Es kann auch persönlich bedeutend sein, zu wissen, ob das, was praktiziert wird, nicht nur in fernen Ländern üblich ist und war, sondern womöglich auch in der eigenen Region. Aus archäologischer Sicht muss die Fragestellung natürlich im Licht der bedauerlich schlechten Quellenlage betrachtet werden. Prähistorischer Alltag, Nahrungsgrundlagen, Siedlungsformen und Bestattungssitten mögen unter guten Voraussetzungen punktuell rekonstruierbar sein. Spirituelle Vorstellungen, religiöse Praktiken sind dies zumeist nicht, denn eine wesentliche Quellensorte fehlt: schriftliche Hinterlassenschaften. Darüber hinaus setzt sich die europäische (prähistorische) Vergangenheit aus höchst unterschiedlichen Phasen von teilweise außerordentlich langer Dauer zusammen. Immerhin existiert der Homo sapiens hier seit ca. 40.000 Jahren. Den überwiegenden Teil dieser Zeitspanne hat er als nomadisierendes Lebewesen der Altsteinzeit verbracht. Die darauf folgenden Phasen des sesshaften Daseins ab ca. 6000 v. Chr. – Jungsteinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit – stellen keine homogenen Perioden ohne kulturellen Wandel dar, sondern sind vielmehr eine Abfolge von parallel existierenden und aufeinander folgenden höchst unterschiedlichen Kulturerscheinungen. Dies lässt sich nicht nur aus dem archäologischen Material eindeutig ableiten. Kultureller Wandel ist eine feste Größe der historischen Entwicklung auf der ganzen Welt. Spirituelle Vorstellungen sind als Teil von Kulturen einem solchen Wandel ebenfalls unterworfen. Es ist also damit zu rechnen, dass gewisse Phänomene zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Gebieten existierten, irgendwann verschwanden, um eventuell anderswo oder zu einer anderen Zeit wieder aufzutauchen. Eines dieser Phänomene könnte auch der Schamanismus gewesen sein.
Häufig werden die 32.000 Jahre Altsteinzeit von fachlicher und nicht-fachlicher Seite mit Schamanismus in Verbindung gebracht (1). Dies gründet sich auf Funden wie Hirschgeweihmasken, Frauen- und Mischwesenstatuetten sowie Höhlenmalereien (2). Ein weiterer Grund dürfte in den Lebensumständen liegen, die sich hinsichtlich Klima und damit zusammenhängender Fauna und Flora mit jenem Umfeld vergleichen lassen, mit dem rezente und jüngere historische Kulturen im Nordpolarkreis umzugehen haben – Kulturen also, die häufig nachweislich traditionelle schamanische Kulturen waren und sind. Die Frage, ob es gerechtfertigt ist, für das Paläolithikum oder bestimmte Teile desselben Schamanismus anzunehmen, wird sich zwar nicht abschließend klären lassen – möglich ist es aber durchaus, was im Übrigen auch für alle anderen Perioden der Urgeschichte gilt.

Schamanische Werkzeuge und Gräber
Neben dem allgemeinen Problem der schlechten Quellenlage geht es auch um die methodische Frage, woran Schamanismus überhaupt erkannt werden könnte. Schamanismus ist eine komplexe Angelegenheit, die in verschiedensten Kulturen ganz unterschiedliche Ausprägungen angenommen hat. Im Core Schamanismus konnten einige grundlegende Merkmale herausgearbeitet werden, wie die Erfahrung einer nicht-alltäglichen Wirklichkeit, in der Geister existieren, mit denen schamanisch Praktizierende in Kontakt treten können, nachdem sie einen veränderten Bewusstseinszustand erreicht haben. Dafür werden unterschiedliche Mittel eingesetzt, beispielsweise Trommel oder Rassel. Man könnte also den Versuch unternehmen, solche oder ähnliche Werkzeuge im archäologischen Fundmaterial zu identifizieren. Dies ist unter bestimmten Bedingungen möglich; theoretisch kann sich eine Trommel, selbst wenn sie ausschließlich aus organischem Material ist, erhalten. Natürlich kann es sich dann dabei um ein einfaches Musikinstrument handeln, doch die Interpretation als schamanisches Werkzeug ist ebenso denkbar, wenn auch schwer zu belegen. Wesentlich ist dabei außerdem, dass Kulturen, in denen keinerlei Dinge nachweisbar sind, die mit schamanischer Arbeit in Verbindung zu bringen wären, dennoch durchaus schamanisch gewesen sein könnten – ein veränderter Bewusstseinszustand lässt sich schließlich nachweislich durch das Zusammenschlagen von zwei völlig insignifikanten Stöcken erreichen.
Ein weiterer Aspekt betrifft den Versuch, die potentiellen Schamaninnen und Schamanen der Vergangenheit zu identifizieren (3). Dazu lohnt ein kurzer Blick auf den in der Archäologie verwendeten, wenn auch nicht abschließend klar definierten Begriff der Sonderbestattungen. Man könnte mutmaßen, religiöse SpezialistInnen in den InhaberInnen jener Gräber zu sehen, die vom üblichen Bestattungsbrauch in irgendeiner Weise mehr oder weniger deutlich abweichen – wenn beispielsweise alle Toten eines Gräberfeldes mit dem Kopf im Süden liegen, und einige wenige mit dem Kopf im Norden. Bedauerlicherweise zeigt gerade der Blick auf rezente schamanische Kulturen, dass jene Personen, die schamanisch arbeiten, eben nicht immer auf eine besondere Art und Weise bestattet werden, sondern genauso wie alle anderen Toten behandelt werden. Hingegen erfahren ihre schamanischen Werkzeuge manchmal eine besondere Behandlung, sei es durch Unbrauchbarmachung, Zerstörung und Deponierung, aber nicht in der Nähe des/der Toten. Somit lassen sich schamanisch Praktizierende nicht unbedingt anhand ihrer Gräber identifizieren – weder in rezenten Gräbern, noch in solchen der Urgeschichte. Und Sonderbestattungen können ganz unterschiedliche Themen anzeigen, wie Geschlechtsrollenwechsel, Gewalt, besondere gesellschaftliche Rollen, Beeinträchtigungen oder ungewöhnliche Todesarten, um nur einige zu nennen.

Kelten und Wikinger
Chronologisch bereits in der jüngeren Eisenzeit verortet wird der Begriff der Kelten. Die intensive, in der Fachwelt geführte Diskussion über die Problematik dieses Wortes hinsichtlich einer Verwendung als einheitlicher Volksbegriff, Fremd- und Eigenbezeichnung, soll hier nicht das Thema sein (4). Vielmehr geht es um die häufige Verknüpfung des Keltenbegriffs mit Schamanismus in einschlägiger neuheidnischer Literatur und Internet. Dies gründet sich auf für diese Zeit bereits vorhandenen Schriftquellen wie antike Autoren, die sich auch zum Phänomen der Druiden äußern, deren Handlungen in der esoterischen Literatur regelhaft mit schamanischer Arbeit in Verbindung gebracht werden. Außerdem haben sich zahlreiche irische und walisische Sagen erhalten, in denen das Motiv der „Keltischen Anderswelt“ – als Reich der Toten, der Elfen, usw. – enthalten ist. Diese wird wiederum häufig als Äquivalent der nicht-alltäglichen Wirklichkeit betrachtet. Ob diese Interpretation jedoch stimmt, auch im Sinne von dahin unternommenen schamanischen Reisen in verändertem Bewusstseinszustand, wird sich für die jüngere Eisenzeit mit archäologischen Mitteln ebenso wenig klären lassen wie für die Altsteinzeit.
Abschließend soll ein chronologisch junges Beispiel aus Skandinavien zeigen, wie günstig sich vorhandene Schriftquellen auf unsere Interpretationsmöglichkeiten archäologischer Hinterlassenschaften auswirken. In der Saga Eriks des Roten, jenes Wikingers, der im 10. Jh. n. Chr. Grönland als Siedlungsland entdeckte, wird eine Szene geschildert, die sich vor dem versammelten Haushalt eines Hofes abspielt. Eine Seherin ist geladen, in die Zukunft zu blicken. Die Saga beschreibt ihre Kleidung und dass sie auf einem Stuhl Platz nimmt, einen Stab in der Hand haltend. Sie bittet die Anwesenden darum, die Vardlokkur – spezielle Lieder – zu singen. Eine Frau erklärt sich dazu bereit, weil sie, obwohl selbst bereits Christin, solche Lieder von ihrer Ziehmutter auf Island gelernt hat. Danach bedankt sich die Seherin und bemerkt, der Gesang hätte die Aufmerksamkeit vieler Geister erregt, weswegen sie nun in der Lage wäre, ihre seherische Aufgabe für die Anwesenden zu erfüllen. Es kann wohl wenig Zweifel daran bestehen, dass es gerechtfertigt ist, in dieser Szene eine schamanische Praktik zu sehen. In Birka in Schweden konnten nun Gräber von Frauen dokumentiert werden, die sitzend und mit Stab in der Hand beigesetzt worden waren (5). Man wird mit diesen Frauen wohl die Figuren aus den Sagas – seien sie nun Seherin oder Völva genannt – identifizieren dürfen. Ob für sie der Begriff „Schamaninnen“ genutzt werden soll, liegt einzig und allein an uns Heutigen.

Quellen
(1) Street (1989); Neugebauer-Maresch (1993); Hahn (1994); Street/Wild (2014).
(2) Siehe Leskovar (2015).
(3) Reymann (2015).
(4) Pauli (1980); Chapman (1992); Collis (2003); James (1999); Karl (2004, 2008); Rieckhoff (2007); Leskovar (2012).
(5) Price (2002:140f.).

Literatur
Chapman, Malcolm (1992): The Celts. The Construction of a Myth. London/New York: Palgrave Schol.
Collis, John (2003): The Celts. Origins, Myths and Inventions. Stroud: Tempus Publishing.
Hahn, Joachim (1994): Menschtier- und Phantasiewesen. In: Der Löwenmensch. Tier und Mensch in der Kunst der Eiszeit. Begleitpublikation zur Ausstellung, Sigmaringen: Thorbecke. 101-115.
James, Simon (1999): The Atlantic Celts. Ancient People or Modern Invention? London: University of Wisconsin Press.
Karl, Raimund (2004): Die Kelten gab es nie. Sinn und Unsinn des Kulturbegriffs in Archäologie und Keltologie. In: R. Karl (Hrsg.), Archäologische Theorie in Österreich. Eine Standortbestimmung. Wien, 7-35.
Karl, Raimund (2008): Feine Unterschiede. Zu ›Keltengenese‹ und ethnogenetischen Prozessen in der Keltiké. Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien 138, 205-23.
Leskovar, Jutta (2012): Kämpfen um die Kelten. Archäologische Argumente in der neuheidnischen Literatur und der Keltenbegriff in der Fachliteratur. Keltische Forschungen, Allgemeine Buchreihe 2. Wien: Praesens.
Neugebauer-Maresch, Christine (1993): Zur altsteinzeitlichen Besiedlungsgeschichte des Galgenberges von Stratzing/Krems-Rehberg. Archäologie Österreichs 4/1, 10-19.
Pauli, Ludwig (1980): Die Herkunft der Kelten. Sinn und Unsinn einer alten Frage. In: L. Pauli (Hrsg.), Die Kelten in Mitteleuropa. Kultur—Kunst—Wirtschaft. Salzburger Landesausstellung 1. Mai – 30. Sept. 1980 Keltenmuseum Hallein, Salzburg: Amt der Salzburger Landesregierung, Kulturabteilung, 16-24.
Price, Neil S. (2002): The Viking Way. Religion and War in Late Iron Age Scandinavia. Department of Archaeology and Ancient History, Uppsala University, Aun 31, Uppsala.
Reymann, Andy (2015): Das religions-ethnologische Konzept des Schamanen in der prähistorischen Archäologie. Frankfurter Archäologische Schriften 28.
Rieckhoff, Sabine (2007): Die Erfindung der Kelten. In: R. Karl/J. Leskovar (Hrsg.), Interpretierte Eisenzeiten. Fallstudien, Methoden, Theorie. Tagungsbeiträge der 2. Linzer Gespräche zur interpretativen Eisenzeitarchäologie. Stud. zur Kulturgesch. von Oberösterreich. Folge 19, Linz: Oberösterreichisches Landesmuseum Linz, 23-37.
Street, Martin (1989): Jäger und Schamanen. Bedburg-Königshoven. Ein Wohnplatz am Niederrhein vor 10.000 Jahren. Röm.-Germ. Zentralmus., 49-53.
Street, Martin, Wild, Markus (2014): Schamanen vor 11000 Jahren? In: Eiszeitjäger. Leben im Paradies. Europa vor 15000 Jahren. Begleitbuch zur Ausstellung LVR-LandesMuseum Bonn 2015. Bonn, 274-287.

Bildnachweis
Rekonstruktionszeichnung eines wikingerzeitlichen Grabes von Birka, Schweden (Price 2002:141)

Dr.in Jutta Leskovar ist Archäologin, Leiterin der Sammlung für Ur- und Frühgeschichte des Oberösterreichischen Landesmuseums und Fakultätsmitglied der Foundation for Shamanic Studies Europe.

Der Text basiert auf dem gleichnamigen Vortrag im Rahmen der Veranstaltung ´Schamanismus in Europa´, veranstaltet durch die FSSE, am 22.10.2017 im Haus der Musik Wien, Österreich.