KRAFT

Im Gedenken an den Gründungsdirektor der FSSE, Paul Uccusic (1937-2013), möchten wir an sein Buch ´Der Schamane in uns´ erinnern, welches seit Erscheinen im Jahr 1991 als Standardwerk des Core-Schamanismus gelten kann.

Im Folgenden finden Sie einen kurzen Auszug: (75f.)
„Ein Mann mit wakan ist weise. Es ist einer, der die Geister kennt. Er hat Kraft durch Geister, er redet mit ihnen. Er kann Wundertaten vollbringen. Ein Mann mit wakan weiß Dinge, die der normale Mensch nicht weiß. Er kennt die Zeremonien und die Lieder. Er kann die Visionen anderer deuten. Er kann den Menschen sagen, was die Geister von ihnen wollen. Er kann sagen, was in der Zukunft geschehen wird. Er kann mit Tieren, mit Bäumen und mit Steinen sprechen. Er kann mit allem auf Erden sprechen.“ (LITTLE WOUND zu JAMES WALKER am 12. September 1896) (1)
Die Kraft spielt im Schamanismus eine so zentrale Rolle, daß viele Autoren sie als das Hauptkriterium für das Schamane-Sein ansehen.
Diese Kraft nach rein physikalischer Formel ´Kraft ist Masse mal Beschleunigung´ auffassen zu wollen, wäre unsinnig. Der Oglala-Schamane Little Wound hat James Walker eine lange Erklärung des vieldeutigen Sioux-Wortes wakan (heilig, göttlich; seltsam; mit übernatürlicher [schamanischer] Kraft ausgestattet etc.) gegeben und mit zahlreichen Beispielen versehen. Seine oben zitierten Worte sind auch fast hundert Jahre, nachdem sie festgehalten wurden, aktuell wie am ersten Tag: Sie entspringen tiefem Wissen und eigener Erfahrung.

LITTLE WOUNDS kurzer Überblick über das, was einen Schamanen ausmacht, zeigt: Um seine Arbeit tun zu können, braucht dieser eben eine bestimmte Kraft, die Schamanenkraft. Wer über diese Kraft nicht verfügt, ist kein Schamane.
Wir halten uns hier an den Kurzausdruck ´Kraft´ und wissen in etwa, wie er gemeint ist; Åke HULTKRANTZ zum Beispiel übersetzt das Shoshone-Wort puha (die Shoshonen-Sprache gehört zur Utoaztekischen Sprachfamilie) einfach mit ´übernatürlicher Kraft´. Die Kraft ist universal, unter vielen Namen bekannt und häufig beschrieben (UCCUSIC: ´Psi-Resümee´, Seite 158) (2).

Kraft ist für das Wohlergehen des Menschen bedeutsam; hat er keine, wird er krank. Und da Heilen eine der wichtigsten schamanischen Aufgaben ist, stehen das Umsetzen und das Herbeiholen von Kraft nicht nur am Beginn schamanischen Wirkens, sondern bedürfen darüber hinaus ständiger Pflege und Erneuerung.
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Am besten zeigt sich Kraft in der Verbindung mit Dingen und Personen – analog der physikalischen Erfahrung, daß Kraft etwas ist, was zwischen Körpern wirkt. Schamanische Kraft ist jedoch wesensmäßig und innig mit Gefühl verknüpft und damit die Ursache dafür, daß niemand wirklich guten Gewissens sagen kann, wie man zu seiner Kraft kommt. Man muß sie selbst suchen und erfahren, niemand kann einem das abnehmen.

Quellen
Paul Uccusic (1991): Der Schamane in uns: Schamanismus als neue Selbsterfahrung, Hilfe und Heilung. Kreuzlingen/München: Hugendubel. (derzeit vergriffen)

(1) Walker, James R. (1986): Lakota Belief and Ritual. 3rd edition. Lincoln, London: University of Nebraska Press.
(2) Uccusic, Paul (1975): Psi-Resümee. Genf: Ariston.