PFLANZENGEISTER UND SCHAMANISMUS: EIN BLICK AUF EUROPÄISCHE TRADITIONEN

Ob starker Baum, geheimnisvolles Nachtschattengewächs oder Früchte spendender Brombeerstrauch: Pflanzen in all ihren Formen wachsen in nahezu jedem Landstrich unseres Planeten. Auf bis zu eine halbe Million verschiedene Arten wird der Bestand der heute lebenden Pflanzen geschätzt. In Form von Nahrung, Sauerstoff, Baumaterialien und Wärme liefern sie uns Menschen die Grundlage für unser Überleben.

Jedes Kind, das zum ersten Mal Kamillentee gegen einen entzündlichen Rachen verabreicht bekommt, lernt Pflanzen als eine Quelle der Kraft und Heilung kennen. „Gegen jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen“, heißt es auch im Volksmund. Es überrascht also nicht, dass Heilkundige auf der ganzen Welt – und seit Menschengedenken – auf den alltäglichen Einsatz von Pflanzen und ihrer Wirkstoffe als Medizin bauen. In der nicht-alltäglichen Wirklichkeit stellen Pflanzengeister etwa den Schamanen und Schamaninnen ihre individuellen Kräfte zur Verfügung, um bei divinatorischer wie Heilarbeit zu unterstützen. (1) Doch wie steht es um die Arbeit mit Pflanzengeistern im Rahmen europäischer spiritueller Traditionen? (2) Und wie ist es mit modernen Zugängen, durch die schamanisch Praktizierende ihre Arbeit mit Pflanzengeistern entwickeln können?

Spuren der Pflanzengeister im alten Europa
Auf den ersten Blick scheint es leicht, Belege für schamanisch anmutende Arbeit mit Pflanzengeistern in Europa zu finden. In antiken Texten der griechischen Mythologie, mittelalterlichen Zauberbüchern oder den Arbeiten früher Ethnologen des 19. Jahrhunderts finden wir Geschichten und Brauchtum über den Einsatz von Pflanzen in spirituellen oder religiösen Zusammenhängen. Diese unkritisch einem schamanischen Kontext zuzuordnen, ist jedoch zu kurz gegriffen.

Eine bekannte Quelle sind beispielsweise die Lacnunga, eine altenglische Sammlung magisch-medizinischer Heilmethoden, wahrscheinlich niedergeschrieben von christlichen Mönchen des neunten, zehnten oder elften Jahrhunderts. Krankheiten gelten hier als von Elfen, „Würmern“ bzw. „Schlangen“ verursacht, also von einer Art als Geister gedachter Wesen. Tränke auf Pflanzenbasis, Zaubersprüche, Anrufungen und Bannungen sowie rituelle Handlungen werden als Heilmittel beschrieben. (3) Am häufigsten zitiert wird der berühmte Neunkräutersegen: Ein krankmachender „Wurm“ kriecht zu einem Menschen und „zerreißt“ ihn. Da nimmt Gott Woden neun Kräuter in die Hand, spricht seinen Kraft- oder Zaubervers und zerschlägt den Wurm in neun Stücke, um Heilung herbei zu führen. (4)

Es fällt nicht schwer, sich eine Art angelsächsische Schamanin oder einen Schamanen vorzustellen, der diese Heilarbeit wirkt. Ob aber wirklich ein animistisches Weltbild bestand und zentrale Techniken des Schamanismus zum Einsatz kamen, wie der bewusst eingeleitete schamanische Bewusstseinszustand oder das an die Pflanzengeister gerichtete Anliegen, bleibt jedoch unserer Interpretation überlassen. Darüber hinaus wurden die Lacnunga zu einer Zeit verfasst, in der magische – und wenn vorhanden, dann auch schamanische – Praktiken längst verboten und von der christlichen Religiosität verdrängt waren.

Pflanzenmärchen als Inspiration
Bei aller historischer Vorsicht ist der Wert solcher Überlieferungen jedoch nicht zu unterschätzen. Dem schamanisch Praktizierenden, der eine konstruktive Beziehung zu hilfreichen Pflanzengeistern aufbauen möchte, mag auch das Wissen über die alltäglichen Aspekte einer Pflanze enorm helfen. Märchen, die Etymologie von Pflanzennamen und Berichte aus dem Volksbrauchtum können im besten Fall sogar dazu beitragen, Wissen über das „Wesen“ bzw. die Charakteristika eines Pflanzenwesens zu erlangen, das dann in der konkreten Arbeit von Nutzen sein kann. (5)

Dazu ein Beispiel: Die Brennnessel kommt nicht nur in den Lacnunga vor, sondern auch in den Märchen der Gebrüder Grimm. Dort ist sie mit dem Donner („Donnernessel“) verbunden. Am Gründonnerstag gesammelt und auf dem Dachboden gelagert, schützt sie vor Blitzschlag. Sie schützt Eier und Bier vor dem Verderb, den Acker vor Vögeln und Insekten. In der Walpurgisnacht schlägt man mit ihr auf den Dung und die Hexen bleiben dem Vieh fern. (6) Solche Bräuche können als Anhaltspunkte für zeitgenössische Praktiken dienen. Haben die Geister der Brennnessel die Kraft, in bestimmten Situationen Schutz zu gewähren? Schamanische Reisen können Aufschluss darüber geben und individuellen Praktiken zur Geburt verhelfen.

Mit den Pflanzen sprechen
Die Recherche bringt bisweilen Ergebnisse hervor, die sich überraschend nahe an dem Weltbild schamanischer oder allgemein traditioneller Kulturen bewegen; und dies indes aus der vergleichsweise jungen Vergangenheit! Eine traditionelle Sagengestalt in Schweden und Norwegen ist zum Beispiel die sogenannte skogskrå. Diese meist weiblich erscheinenden Naturgeister bewohnen alte, ausgehöhlte Baumstämme, oft die von Eichen. Schaut man (meistens Männer, die in der Wildnis unterwegs sind) sie von vorne an, erscheinen sie als betörend schöne, oft verführerische Frauen oder Mädchen. Erblickt man sie von hinten, offenbart sich ihre wahre Baumgestalt und sie verlieren ihre Kraft oder verschwinden.

Skogskrå sind gefährlich und wohltätig zugleich. In mündlich überlieferten Erfahrungsberichten, die zwischen 1854 und 1930 in unterschiedlichen Teilen West- und Südschwedens erzählt und dann aufgeschrieben wurden, sind sie dafür verantwortlich, das Vieh zu verstecken, Wanderer in die Irre zu führen oder zu erschöpfen. Auf der anderen Seite verleihen sie Jagdglück und geben Auskunft über hilfreiche Pflanzen und Kräuter für magische oder heilende Zwecke, wenn sie mit einem konkreten Anliegen befragt werden. (7) Auch im core-schamanischen Kontext können divinatorische Arbeiten Empfehlungen liefern, welche Pflanzen in welchen Situationen wie zu nutzen sind.

Noch einen Schritt weiter gehen die „Pflanzenmärchen und -Sagen“ des Botanikers und Theosophen Dr. Alfred Usteri, aufgeschrieben 1922. Sie beschreiben die Reisen des „Sternwanderers“ durch nicht-alltägliche (Planeten-)Welten, wo die „Pflanzenseelen“ leben. (8) Diese berichten dem Reisenden von den Aufgaben, die ihnen die Sonne auf Erden zugewiesen hat. (9) Usteri stellt in seinen Geschichten so einen ganzen Kosmos von Pflanzengeistern auf, bei der er kulturwissenschaftliches, mythologisches und botanisches Wissen zusammenträgt. Dem schamanisch Praktizierenden mögen die Texte als Anreiz dienen, in der nicht-alltäglichen Wirklichkeit selbst auf die Suche nach ökologischen Zusammenhängen zu gehen, die ihm andernfalls verborgen blieben.

Core-schamanische Arbeit mit Pflanzengeistern
Auch wenn die historischen Quellen für eindeutig schamanischen Umgang mit Pflanzengeistern in Europa rar gesät sind, finden wir Inspirationsquellen wie Märchen und Brauchtum sowie Ansätze für eigene Arbeiten in Hülle und Fülle. Neben den bereits genannten Möglichkeiten sind die moderne Phytotherapie, die Homöopathie oder traditionell chinesische Medizin als wichtige Heilschulen der alltäglichen Wirklichkeit zu nennen. Sie alle setzen im Kern auf den Einsatz von Pflanzen.

Das Räuchern oder Herstellen von Tees und Tinkturen sind weitere Möglichkeiten, die sich auch im privaten Rahmen gut durchführen lassen und Basis für eine Beziehung zu helfenden Pflanzen sein können. Schließlich stehen den Interessierten heute mit Shinrin yoku, dem „Waldbaden“, sogar Erkenntnisse eines modernen, wissenschaftlichen Instituts zur Verfügung. Es untersucht den signifikanten Einfluss von Waldspaziergängen und des bloßen Kontaktes mit Bäumen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen. (10)

Entscheidend für einen core-schamanischen Zugang ist die individuelle Begegnung der Praktizierenden mit den Pflanzengeistern in der nicht-alltäglichen Wirklichkeit. Bei allem Wissen über Pflanzen, das durch alltägliche Methoden erlangt werden kann, bringt der konkrete Dialog spezifische Erfahrungen, Kraft und Anweisungen zu Tage, die nur für diesen Praktizierenden gelten können.

In der Heilarbeit dient die Kraft der Pflanzengeister beispielsweise dem Entfernen von Eindringlingen. (11) Ebenfalls aus dem Core-Schamanismus hervorgegangen sind die Arbeiten von Eliot Cowan. Er beschreibt, wie er persönlich im Anschluss an erste Begegnungen mit Pflanzengeistern in die Wildnis zog, um sich mit den Geistern seiner Umgebung bekannt zu machen und zu erfragen, wie er die Kraft dieser Geister vertrauensvoll auf seine Klienten übertragen kann. (12) Vier wichtige Erkenntnisse seiner und Michael Harners Forschung mögen Praktizierenden als wertvolle Stütze für die eigene Arbeit in einem zeitgenössischen europäischen Schamanismus dienen:

  • SchamanInnen in nahezu allen noch lebendigen Traditionen pflegen enge Kooperationen mit den Geistern von hilfreichen und lehrreichen Pflanzen. Viele erleben Pflanzengeister als ausgesprochen hilfsbereit.
  • Entscheidend ist eine persönliche Beziehung, die am besten draußen in Feld und Flur im direkten Kontakt mit der Pflanze entsteht.
  • Besonders wirkungsvoll scheint die Arbeit mit den lokalen Pflanzen in der eigenen Lebensumgebung.
  • Im schamanischen Bewusstseinszustand versuchen SchamanInnen und schamanisch Praktizierende den Geist einer Pflanze so umfangreich wie möglich kennenzulernen, Wissen über seine Geschichte und Aufgabe zu erlangen sowie darüber, welche Arbeiten und Anwendungen auf welche Art und Weise empfohlen sind.

 

Quellen
(1) Harner, Michael (2013, Original 1980): Der Weg des Schamanen. Das praktische Grundlagenwerk zum Schamanismus. Übers. a. d. Eng. v. Agnes Klein u.a. München: Wilhelm Heyne Verlag, S. 203-229.
(2) Zur Quellenlage für möglicherweise schamanische Traditionen in Europa siehe auch: Europäischer Schamanismus – Eine Spurensuche.
(3) Bates, Brian (2004, Original 1984): Wyrd. Der Weg eines angelsächsischen Zauberers. Übers. a. d. Eng. v. Johannes Wilhelm. Darmstadt: Schirner Verlag, S. 10f. Die Lacnunga sind auch in der Handschrift MS. Harley 585 enthalten, aufbewahrt im British Museum.
(4) Storl, Wolf Dieter (2006, Original 2004): Naturrituale. Mit schamanischen Ritualen zu den eigenen Wurzeln finden. Baden, München: AT Verlag, S. 278-287. Die Bestimmung der neun Heilpflanzen ist nicht ganz sicher. Als identifiziert gelten Beifuß, Breitwegerich, Kamille, Brennnessel, Kerbel, Fenchel und (Holz-)Apfel. Für die verbliebenen zwei gibt es allerdings mehrere Deutungsmöglichkeiten.
(5) Vgl. dazu Schneider-Fürchau, Edith (2008): Als Alpenblume noch Märchenwesen waren. Bürgel: Echino Media Verlag. Die Autorin wagt den Versuch einer solchen narrativen Konzentration „auf das Wesentliche“. Sie dichtet moderne Märchen, in denen Pflanzen in Form eines Naturgeistes handeln. Ein Höhepunkt jeder Geschichte ist der Moment, in dem sich der Naturgeist schließlich als eine bestimmte Alpenblume zu erkennen gibt.
(6) Vgl. Gallwitz, Esther (1999): Schneewittchens Apfel. Pflanzen in Grimms Märchen. Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag, S. 130ff.
(7) Lindow, John (1978): Swedish Legends and Folktales. Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press, S. 105ff.
(8) Vgl. Usteri, Alfred (1926, Original 1922): Pflanzenmärchen und -Sagen. Basel: Verlag von Rudolf Seering.
(9) Harner (2013) S.203. Auch Michael Harner beschreibt, dass die Pflanzengeister ihre Kraft von der Sonne erhalten.
(10) Vgl. Li, Qing: Shinrin-yoku. The Art and Science of Forest-Bathing. How Trees can help you find Health and Happiness. London et al.: Penguin Life.
(11) Vgl. Harner (2013) S. 207-217.
(12) Vgl. Cowan, Eliot (2017, Original 2005): „Plant Spirit Medicine.“ In: Shamanism Annual. The Journal of the Foundation for Shamanic Studies Issue 30. S. 25-28. und Cowan, Eliot (2014): Plant Spirit Medicine. A Journey into the Healing Wisdom of Plants. Boulder: Sounds True Inc.

Alexander Jatscha ist schamanisch Praktizierender und lebt westlich von München, in Deutschland.