RÜCKBLENDE – TAGUNG ´SCHAMANISMUS UND DIGITALISIERUNG´

Digitale Technologien sind bereits heute omnipräsent und füllen Räume aus, wo wir keine vermutet hatten. Bei der Digitalisierung handelt es sich nicht um einen Megatrend, sondern um ein Phänomen eines neuen Zeitalters, welches das Transzendieren der Grenzen zwischen Mensch und Maschine mit sich bringt.

Dem Schamanismus als uralter Informationstechnologie ist eine grundsätzliche Offenheit Veränderungen und dem Unerforschten gegenüber inhärent. Schamanische Arbeit zielt darauf ab, das Leben der Gemeinschaften dieser Welt zu verbessern. Treten unbekannte Probleme oder Fragen auf, wenden sich SchamanInnen seit jeher an die Geister, um neues Wissen zu erlangen und proaktiv effektive Lösungen und Herangehensweisen zu entwickeln.

In diesem Sinne wendet sich die Foundation for Shamanic Studies Europe (FSSE) den komplexen Fragenstellungen unserer Zeit zu und hat begonnen, das wissenschaftlich noch nicht kartografierte Gebiet des Zusammenspiels von „Schamanismus und Digitalisierung“ zu erforschen. Am 26. Juni 2020 fand dazu die gleichnamige interdisziplinäre Online-Tagung statt.

„Gibt es Geister eigentlich auch im Internet?“, hatte einige Jahre zuvor eine Seminarteilnehmerin in Berlin gefragt und den Stein damit ins Rollen gebracht, wie Roland Urban, Geschäftsführer der FSSE, erzählt. Knapp 200 Personen aus aller Welt nahmen nun an der Veranstaltung teil. ReferentInnen aus Wissenschaft, Technik, Philosophie, Schamanismus und Kunst teilten ihre Beiträge und Impulse mit dem Ziel, unser Verständnis über die vielschichtigen Zusammenhänge der spirituellen und digitalen Realitäten zu vertiefen.

Roland Urban machte im ersten Teil der Veranstaltung den Anfang und hielt in seinem Eingangsvortrag fest, dass wir uns bereits in einem post-digitalen Zeitalter befinden. Es bedarf der Entwicklung differenzierter Antworten auf damit zusammenhängende Fragestellungen. Darum diese Tagung.

Digitale Technologien sind zu einem prägenden Faktor unserer Gesellschaften geworden. Der Medienkünstler und Forscher Horst Hörtner gab eine übersichtliche Einführung in den State of the Art der Digitalisierung, mit besonderem Blick auf sogenannte künstliche Intelligenz. Maschinen sind weder gut noch schlecht. Es liegt an uns, ethische Wege und Regeln für ihre Nutzung zu finden, damit sie zum Wohle aller Lebewesen wirken. Denn wir werden für unser Überleben auf diese Technologien angewiesen sein.

Die Philosophin Prof. Dr. Yvonne Förster dachte anschließend über eine radikale Phänomenologie der Technologie nach. Anstatt im aufklärerischen Denken von Subjekt und Objekt, von Belebtem und Unbelebtem verhaften zu bleiben, schlägt sie vor zu überprüfen, wie Technologie unsere Wahrnehmung und Erfahrungen verändert.

Im zweiten Teil der Veranstaltung vermittelte Susan Mokelke, Präsidentin der Foundation for Shamanic Studies, praxisnah, wie schamanische Erfahrungen selbst durch digitale Kanäle hindurch vermittelbar und erlebbar sind. So wie schamanisch Praktizierende in nicht-materiellen Welten – der nicht-alltäglichen Wirklichkeit – reisen, verbinden digitale Technologien den Kreis der TeilnehmerInnen in einem nicht-materiellen Raum. So wurde es auch möglich, ausgewählte Online-Angebote für die schamanische Arbeit zu entwickeln, als durch die Corona-Krise die physische Anwesenheit in Seminaren vorübergehend nicht mehr möglich war.

Roland Urban präsentierte daraufhin die vorläufigen Forschungsergebnisse zum Thema „Schamanismus und Digitalisierung“. Auf Basis schamanischer, divinatorischer Reisen von mehr als 400 Menschen seit März 2019 wurde eine erste Modellbildung versucht. Geister sind real und auch in den digitalen Realitäten der mittleren Welt anzutreffen. Differenzierte Erkenntnisse über das Wesen dieser Geister liegen vor. Nun gilt es, die Forschung fortzuführen und vertiefende Einsichten zur sicheren Zusammenarbeit mit diesen Kräften zu erlangen.

Schließlich führten Karin Valisova und Jakub Fiala, „Creative Technologists“ und „Digital Natives“ aus Berlin, ein praktisches Live-Experiment mit den KonferenzteilnehmerInnen durch. Es ging darum, schamanisch in ein digitales Netzwerk zu reisen und zu beobachten, wie die schamanische Praxis und die digitale Realität messbar miteinander interagieren.

Gerahmt wurden all diese Beiträge von mehreren künstlerischen Performances, die digitale Installationen, Fotografie, Gesang und Musik auf faszinierende Weise miteinander vereinten. Sarah Elizabeth Martinus, Andrea Familiari, Roberta Perzolla, Minka von Kries und Desmond Leung stellten so mit den Mitteln der Kunst komplementäre Perspektiven zur Verfügung. Die verwendete Konferenzsoftware ermöglichte es darüber hinaus, dass sich die vielen TeilnehmerInnen der Tagung im Verlauf des Tages immer wieder in kleinen Gruppen über das Besprochene austauschen konnten.

Mit den an der Online-Konferenz vorgestellten Ergebnissen ist die Forschungsarbeit noch lange nicht an ihrem Ende angekommen. Vielmehr haben sie den Boden für weitere Aktivitäten bereitet. Die bereits erlangten Erkenntnisse bestätigen, dass die bewährten schamanischen Methoden dabei helfen können, auf konstruktive Art und Weise mit den digitalen Realitäten und Technologien zu arbeiten. Es liegt an uns, so Horst Hörtner, unsere Zukunft proaktiv zu gestalten.

Wir danken allen TeilnehmerInnen und Beitragenden aufrichtig! Sie haben diese Veranstaltung zu einer inspirierenden und kraftvollen Erfahrung gemacht.

Die Vorträge der Tagung sind, zusammen mit weiteren bisher noch unveröffentlichten Beiträgen, in dem online verfügbaren Buch „Shamanism and Digitalisation“ auf Englisch zusammengefasst. Eine gedruckte Version und eine Übersetzung ins Deutsche werden zu gegebener Zeit folgen.

Das Buch ist hier verfügbar: https://issuu.com/fsse/docs/tagungsbuch_2020_en.