SCHAMANISCHE DIVINATION ALS METHODE DER SPIRITUELLEN PROBLEMBEWÄLTIGUNG

SchamanInnen werden in ihren Stammessprachen oft als „Seher“ oder „Wissende“ bezeichnet. Denn sie sind Teil eines Wissenssystems, das auf Erfahrungen aus erster Hand basiert. Schamanismus ist kein Glaubenssystem, sondern beruht auf persönlichen Experimenten, die durchgeführt werden, um Heilung zu bewirken oder Informationen zu erlangen.
Michael Harner

Mit dem Thema Schamanismus wird heute meist die schamanische Heilung einzelner KlientInnen assoziiert. Sind schamanisch Praktizierende aber mit größeren Problemen der Gesellschaft bzw. einer Natur- oder anderen Katastrophe konfrontiert, beschränken sie sich oft darauf, die Geister direkt um Linderung des Leids durch rein spirituelle Mittel zu bitten. Sie ersuchen ihre Geister beispielsweise darum, sich an den Ort des Geschehens zu begeben und dort Heilarbeit zu leisten. Zwar wird diese Form der „Fernheilung“ tatsächlich in vielen Fällen sofort Wirkung zeigen. Dennoch wirft sie komplexe ethische Fragestellungen auf, die es zu berücksichtigen gilt.

Natürlich ist Heilarbeit ein wichtiger Aspekt der schamanischen Arbeit. Es ist jedoch gerade in unserer schwierigen und oft chaotischen Zeit wichtig zu erkennen, welch immensen Beitrag die schamanische Divination leisten kann, um nachhaltige und effektive Lösungen für anhaltende Dysfunktionalitäten zu finden. Dies gilt sowohl für Probleme individueller wie kollektiver Natur. Der folgende Artikel bietet einige praktische Vorschläge für die Lösung dieser Probleme mit den Mitteln der Divination. (1)

Spirituelle Problembewältigung
Vereinfacht gesagt bedeutet schamanische Divination, die ausschließlich mitfühlenden Geister um Antworten auf Fragen zu bitten. (2) Sie kann häufig Wissen zugänglich machen, das mit den Möglichkeiten der alltäglichen Wirklichkeit nicht erreichbar wäre. Ich betrachte Divination darum gerne als eine Form der „spirituellen Problembewältigung“. Wenn sich SchamanInnen der Bewältigung schwieriger Situationen in der alltäglichen Wirklichkeit widmen, gehen sie genauso vor wie auch bei der schamanischen Heilarbeit: Zuerst fragen sie die Geister, worin genau das Problem besteht und welches weitere Vorgehen empfohlen ist.

Kraftvolle SchamanInnen sind ExpertInnen zweier Wirklichkeiten. (3) Wir sind Wesen sowohl der alltäglichen als auch der nicht-alltäglichen Wirklichkeit. Dementsprechend haben auch die Herausforderungen, denen wir uns stellen, Aspekte beider Seiten. Es ist wichtig, die Themen, die uns bewegen, mit allen uns zur Verfügung stehenden konventionellen Mitteln zu untersuchen und zu erforschen.

Gleichzeitig reichen Maßnahmen, die sich ausschließlich auf die alltägliche Wirklichkeit beziehen, nicht aus, um die uns drohenden Krisen zu bewältigen. Unsere Aktivitäten blieben per Definition unvollständig. Für effektive, elegante und nachhaltige Lösungen müssen wir auch in der nicht-alltäglichen Wirklichkeit arbeiten, um die Kraft und Weisheit der helfenden Geister zum Tragen bringen.

Ethische Überlegungen
Bei allen schamanischen Arbeiten – ob zur Heilung oder Divination – ist ethisches Handeln unerlässlich. Da es sich um Angelegenheiten der Seele handelt, ist es erforderlich, von jedem Wesen eine Erlaubnis einzuholen, das von der Arbeit betroffen wird; einschließlich Menschen, dem Land, der Gewässer, der Luft und anderer nichtmenschlicher Wesen.

Heilarbeit ohne die informierte Zustimmung der Menschen und der anderen Lebens- oder Erdformen durchzuführen, bedeutet nichts anderes als Zauberei zu praktizieren, was letztendlich negative Konsequenzen nach sich zieht. Denn in den Angelegenheiten der Seele hat jedes Wesen das Recht, selbst zu bestimmen, welchem Weg seine Seele folgen wird. (4)

Ausbildung und Praxis
Es ist die Beziehung zu den helfenden Geistern, die kraftvolle SchamanInnen ausmacht.

Die schamanische Ausbildung kann helfen, diese Beziehungen einzugehen und die eigenen Fähigkeiten zu erweitern. (5) Hingebungsvolle Praxis trägt dazu bei, unsere Arbeit weiter zu verfeinern. Dieser Weg erfordert Engagement und Erfahrung. Sobald Praktizierende in der Lage sind, zuverlässig schamanisch zu reisen und die Geister zu kontaktieren, werden die Geister sie oder ihn selbst lehren und ihr Können weiter verbessern. Es besteht jedoch keine Notwendigkeit, ein gewisses Maß an Expertise abzuwarten, bevor man mit der Arbeit beginnt. Erfahrung erlangen wir durch die Praxis selbst, während wir uns Schritt für Schritt weiterentwickeln und unser Wissen vergrößern.

Der konkrete Arbeitsansatz
Um den Einstieg zu erleichtern und zum Anfangen zu ermutigen, sei der vorgeschlagene schamanischen Arbeitsansatz mittels der allgemein anerkannten Phasen in einem Problemlösungsprozess veranschaulicht. Daran lässt sich gut nachvollziehen, wie sich schamanische divinatorische Techniken für individuelle oder kollektive Anliegen anwenden lassen. Wer mit dieser Methode eigene Erfahrungen sammelt, wird sie mit der Zeit wahrscheinlich personalisieren, damit die Arbeitsweise noch besser zur eigenen, persönlichen Praxis passt.

Problembewältigung mittels Divination ist ein vielschichtiges Unterfangen. Unsere Anliegen und Themen verändern sich im Laufe der Zeit, während wir für eine Sache aktiv sind. Sie verschieben oder stabilisieren sich. Mal geht es vorwärts, mal rückwärts. Die Arbeit gleicht einem Tanz mit beiden Wirklichkeiten: Identifikation eines Problems, das wir angehen möchten, Konsultation der Geister, Verfeinerung unserer Maßnahmen in der alltäglichen Wirklichkeit, Umsetzung dieser und Messung der Ergebnisse. Dann tauchen wir wieder tief hinab in die Recherche – sowohl in der alltäglichen als auch in der nicht-alltäglichen Wirklichkeit – damit wir mit neuem Wissen und größerer Weisheit fortfahren können.

Dabei ist zu beachten, dass die Arbeit auf der Ebene der alltäglichen Wirklichkeit den Einsatz schamanischer Heilarbeit nicht ausschließt; unabhängig davon, ob sie vor Ort oder aus der Ferne durchgeführt wird. Doch für diesen speziellen Ansatz der Problembewältigung sollten wir uns auf schamanische Divination konzentrieren, mit der wir Maßnahmen für die Umsetzung in der alltäglichen Wirklichkeit erarbeiten.

In vielen Fällen wird es so sein, dass ein/e schamanisch Praktzierende/r Divination im privaten Rahmen durchführt, um Fragen bezüglich der Arbeit mit einer Gruppe von Menschen zu stellen, die selbst nicht schamanisch aktiv sind. In diesen Fällen sind ethische Bedenken meist leicht auszuräumen: Die Praktizierenden bitten schließlich um Anweisungen für Maßnahmen in der alltäglichen Wirklichkeit. Sie bitten die Geister nicht darum, direkt Heilarbeit zu leisten. Es ist deshalb nicht zwingend notwendig, die Gruppe über die Arbeit in der nicht-alltäglichen Wirklichkeit zu informieren. Wenngleich es zu Situationen kommen mag, in denen dies doch angemessen erscheint.

Es kann passieren, dass bei der Befragung der Geister doch Sachverhalte berührt werden, für die eine Erlaubnis angebracht wäre. Dieser Möglichkeit sollten wir uns bewusst sein und Disziplin üben, um die ethischen Grenzen einzuhalten. Sagen wir zum Beispiel, jemand arbeitet mit einer Gruppe zusammen, in der eines der Mitglieder ein schwieriges Verhalten an den Tag legt und den Fortschritt des Projekts dadurch zu behindern scheint. Ethisch gesehen dürfen wir ohne ausdrückliche Erlaubnis keine schamanischen Mittel einsetzen, um etwas über diese Person herauszufinden. Es wäre aber möglich, den Geistern Fragen zu stellen wie: „Was kann getan werden, um die Gruppenharmonie wiederherzustellen?“ oder „Wie kann ich effektiver mit dieser Person zusammenarbeiten?“ Dabei gilt es, keine privaten Informationen über das Gruppenmitglied zu erfragen. Natürlich kommen ich solch einem Fall auch konventionelle Methoden der Beziehungspflege oder der Konfliktlösung in Frage.

Schritt 1. Das Problem definieren
Zuerst wählen wir ein Themengebiet aus, das uns am Herzen liegt. Zum Beispiel: Obdachlosigkeit, die Not der Elefanten, Hilfe für Opfer von Unwettern, Abholzung oder ähnliches. In der alltäglichen Wirklichkeit (AW) untersuchen wir nun, welchen Bezug wir zu diesem Thema haben und warum es für uns wichtig ist.

Außerdem konsultieren wir die Geister in einer schamanischen Reise, um Hilfe bei der Klärung des für uns wichtigen Anliegens zu erbitten. Dafür eignen sich Fragestellungen wie: „Welches Thema, von denen, die mich bewegen, ist für mich zu diesem Zeitpunkt am wichtigsten zu bearbeiten?“ oder „Warum ist es mir so wichtig, den Obdachlosen (oder Elefanten etc.) zu helfen?“

Schritt 2. Mögliche Lösungen identifizieren
Sobald das Problem, das wir lösen möchten, feststeht, stellen wir alternative mögliche Lösungsansätze zusammen. Dazu recherchieren wir in der AW über das Thema, befragen ExpertInnen und sammeln Fakten. Wir finden heraus, was bereits getan wurde und was benötigt wird.

In der nicht-alltäglichen Wirklichkeit (NAW) haben wir die Möglichkeit, eine Reihe von Reisen zu unseren spirituellen Helfern zu unternehmen. Wir bitten um Wissen, Einsicht und Ratschläge darüber, was benötigt wird und wie wir helfen können. Dabei ist zu berücksichtigen, was wir in der AW bereits gelernt haben; und aufmerksam zu sein für die kreativen Lösungen und unerwarteten Sichtweisen, die die Geister auf unsere Probleme einbringen können.

Schritt 3. Maßnahmen evaluieren und auswählen
Wenn man eine Liste möglicher Maßnahmen hat, die sich in der AW umsetzen ließen, werden – ebenfalls in der AW – Informationen über jede dieser möglichen Maßnahmen gesammelt, sowie darüber, wie sie zur Lösung unseres Problems beitragen können. Will man mehrere Maßnahmen umsetzen, ist zu klären, mit welcher man beginnen sollte?

Je nach Bedarf reisen wir zu den Geistern und bitten um Rat bezüglich der verschiedenen Maßnahmen – und der Möglichkeiten, unsere Lösung konkret zu gestalten.

Schritt 4. Umsetzung unserer Lösung
Nun erfolgt die Umsetzung der ausgewählten Lösung in der AW. Dabei befragen wir, wenn nötig, die Geister nach Wegen, um die Wirksamkeit unserer Lösung zu erhöhen.

Es kann auch sinnvoll sein, die Geister um persönliche Unterstützung während der Umsetzung zu bitten, insbesondere wenn emotionale oder andere Probleme auftreten.

Schritt 5. Ergebnisse auswerten
Wenn unsere Aktion abgeschlossen ist, sammeln wir in der AW Feedback über das Ergebnis. War die Lösung des Problems effektiv? Was hat gut funktioniert? Wo gab es Schwierigkeiten? Was ist noch zu tun?

In der NAW stehen weitere schamanische Reisen an. Wir fragen unsere hilfreichen Geister nach Rat und Feedback, sowohl über die Ergebnisse als auch bezüglich persönlicher Aspekte wie zum Beispiel: „Was kann verbessert werden?“, „Wie werden künftige Maßnahmen noch effektiver?“ oder „Was lerne ich persönlich in diesem Prozess?“

Wir wiederholen diese fünf Schritte bei Bedarf, um tiefer liegende Schichten unseres Problems anzugehen oder um uns der Lösung eines anderen Anliegens zu widmen.

Schamanische Divination kann in dem beschriebenen Ablauf auch von einer Gruppe schamanisch Praktizierender eingesetzt werden. (6) Dabei holt jedes Mitglied des Kreises sowohl in der AW als auch in der NAW Informationen ein. Die Gruppe sollte in gemeinsamer Arbeit kohärente Maßnahmen formulieren, welche die von allen TeilnehmerInnen in Erfahrung gebrachten Aspekte der AW als auch der NAW berücksichtigen. Dies erhöht die Komplexität des Prozesses erheblich, bietet aber auch das Potenzial ganzheitlicherer Lösungen.

Der Weg des Mitgefühls
Schamanische Divination ist eine kraftvolle Methode der Problembewältigung. Wie viele andere hochwirksame Praktiken verlangt sie den Praktizierenden einiges ab. Wenn man sich auf diesen Weg begibt, wird es unterwegs auch zu Schwierigkeiten kommen: Angst, Zweifel, Leistungsansprüche, etwas nur auf „meine Art“ tun wollen, Verwirrung, Wertungen, Wut oder gefühlte Feindschaften können auftreten. Diese Herausforderungen sollten nicht als Bestrafung empfunden werden, sondern als eine Art Geschenk der mitfühlenden Kräfte unseres Universums. Wir können sie als eine Gelegenheit verstehen, Grenzen unserer alltäglichen Wirklichkeit zu überwinden und uns zu mitfühlenderen und transformierten Menschen zu entwickeln.

Es ist nicht einfach, Wandel herbeizuführen. Wenn wir uns also dieser Art von Mitgefühl widmen, finde ich es hilfreich, eine Problemstellung in der alltäglichen Wirklichkeit zu wählen, die einem am Herzen liegt. Es sollte etwas sein, das einem wirklich wichtig ist und tief bewegt. Denn es sind die Liebe zu diesem gewählten Thema und der tiefe Wunsch, es wachsen und gedeihen zu sehen, die uns durch scheinbar unmögliche Zeiten leiten – dies und unsere Beziehung zu den mitfühlenden Geistern sowie ihre Liebe zu uns. Während wir praktizieren, um das zu nähren, was wir lieben, werden wir selbst verwandelt werden.

 

Quellen
(1)   Um eine Vielzahl an verschiedenen Divinationstechniken kennenzulernen, ist das Fortgeschrittenen Seminar Schamanische Divination empfohlen.
Das Harner Shamanic Counseling ist zudem eine ausgezeichnete Möglichkeit, die eigenen spirituellen Fähigkeiten zu verbessern, kraftvolle Beziehungen zu den mitfühlenden Geistern aufzubauen und die Interpretation der auf schamanischen Reisen erhaltenen Informationen zu üben.
(2)   Der Begriff „Geister“ bezeichnet in diesem Artikel immer die ausschließlich mitfühlenden Geister der Oberen und Unteren Welt, sofern nicht anders angegeben.
(3)   Siehe Harner, Michael (2013, Original 1980): „Der Weg des Schamanen. Das praktische Grundlagenwerk zum Schamanismus.“ Übers. a. d. Eng. v. Agnes Klein u.a. München: Wilhelm Heyne Verlag.
(4)   Weitere Überlegungen zur Ethik und der Erlaubnis für schamanische Arbeit bietet der Artikel: „Der Ehrenkodex des Heilers“.
(5)   Weitere Informationen über die schamanische Ausbildung finden sich auf der Website: Fortgeschrittenen Seminare können das Wissen und die Praxis der TeilnehmerInnen erheblich erweitern bzw. vertiefen. Zusätzlich zu der persönlichen Entwicklung, die die meisten Praktizierenden erleben, hilft das Dreijahresprogramm in fortgeschrittenen schamanischen Initiationen und schamanischem Heilen, enge und kraftvolle Beziehungen zu den Geistern aufzubauen.
(6)   Das Seminar Schamanismus und Kreativität beinhaltet eine Gruppenarbeit, um eine kreative Lösung für ein gemeinschaftliches Problem zu finden.

Dr.in Susan Mokelke ist Präsidentin der Foundation for Shamanic Studies und Direktorin der FSS U.S. Fakultät. Derzeit unterrichtet sie die fortgeschrittenen Seminare der FSS und das Dreijahresprogramm.

Obiger Artikel bildet die theoretische Grundlage für das SeminarSchamanische Wege zu lokaler und globaler Veränderung„, in dem praktische und alltagsbasierte Lösungsansätze für kollektive Anliegen erarbeitet werden.