SCHAMANISMUS ALS DIREKTE ERFAHRUNG DER GEISTER

Stimmen aus der Fakultät: Ein Gespräch mit Adele Erle, Fakultätsmitglied der Foundation for Shamanic Studies Europe
(Teil 2 / 2)

Im ersten Teil ihres Interviews sprach Adele über die Gemeinschaft und darüber, was Schamanismus den Menschen heute bieten kann. Sie zeigte auf, wie wesentlich das Gefühl des Verbundenseins für uns alle ist.

Was treibt Dich persönlich voran, immer wieder in dieser Richtung weiter zu arbeiten?
In meiner schamanischen Arbeit mit Menschen darf ich Zeugin von heilsamen Wandel sein. Menschen kommen in Berührung mit mitfühlenden Geistern, kommen in ihre Kraft. Es ist für mich ein großes Geschenk, daran teilhaben zu dürfen, und meine Motivation, weiter zu machen, weiter zu lernen und mich in den Dienst der Geister und der Gemeinschaft zu stellen.

Es wäre schön, wenn Schamanismus in unserer Gesellschaft eines Tages mehr Anerkennung erfährt. Es ist eine der ältesten Heilmethoden der Menschheit und könnte eine wertvolle Ergänzung zu unserem modernen Gesundheitswesen darstellen!

Wie hast Du eigentlich zum Schamanismus gefunden und wie lange gehst Du diesen Weg bereits?
Eigentlich hatte ich schon in meiner Kindheit Kontakt mit der nicht-alltäglichen Wirklichkeit. Ich habe mit allem kommuniziert, was mich umgab. Im Wald habe ich mit Bäumen, Blumen und Tieren gesprochen. Ich habe meine Wand zu Hause wild bemalt und mit den Figuren kommuniziert, die ich auf diese Wand gemalt hatte. Und damals habe ich schon Antworten bekommen. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mit diesen Wesen meine Probleme diskutiert und Antworten erhalten habe.

Außerdem hatte ich viele intensive Träume, in der Pubertät mit einem stark visionären Charakter. Sie haben mich dazu gebracht, mich mit verschiedenen spirituellen Traditionen auseinanderzusetzen: dem tibetischen Buddhismus, verschiedenen Yoga-Richtungen und schamanischen Wegen in Mittelamerika. Den ersten richtigen bewussten Kontakt mit meinem Krafttier hatte im Jahr 2005, in einer sehr herausfordernden Phase meines Lebens, als es mir nicht gut ging. Mein Partner besuchte damals ein Seminar bei Paul Uccusic und lud mich enthusiastisch zu einer schamanischen Reise ein. Am Anfang hat es gar nicht funktioniert, ich war aber doch so neugierig, dass ich es wieder versuchte. Beim zweiten oder dritten Mal war klar, dass ich mir nicht einfach nur etwas vorstelle, sondern eine direkte, echte Erfahrung mache. Das war mein erster Kontakt mit dieser großen Liebe und Kraft, die mich so berührt hat. Besonders intensiv war dann noch für mich mein erster Visionstanz, bei dem ich die Präsenz meiner Großmutter mit allen Sinnen wahrgenommen habe.

Warum hast Du Dich nach so vielen Erfahrungen mit anderen spirituellen Wegen für den Core-Schamanismus entschieden?
Ganz am Anfang war er mir fast ein wenig zu pragmatisch. (lacht) Trotzdem konnte ich eine starke Wirksamkeit erleben. Inzwischen schätze ich genau diese pragmatische Klarheit, die den Core-Schamanismus ausmacht. Meine vorherigen Stationen waren für die jeweilige Zeit gut und wichtig. Ich durfte viel lernen, aber ich habe mich in eine andere Richtung entwickelt. Der Core-Schamanismus ermöglicht es, mehr Vertrauen in die eigene spirituelle Autorität zu setzen.

Was würdest du Menschen empfehlen, die sich neu auf den Schamanismus einlassen und selbst noch Zweifel haben?
Letztendlich muss jeder für sich entscheiden, ob der schamanische Weg zu ihm oder ihr gehört oder nicht. Wer ins Basis-Seminar kommt, hat sich meistens schon ein wenig mit dem Thema beschäftigt. Im Seminar machen die TeilnehmerInnen dann die Erfahrung, dass Geister real sind. Und wenn man diese Erfahrung macht, mit dieser Kraft in Berührung kommt, dann geht man fast automatisch weiter, weil dann ist eine Tür geöffnet, zu einer so spannenden, neuen Welt.

Ich empfehle, auch nach dem Seminar möglichst viel Präsenz in der nicht-alltäglichen Wirklichkeit zu zeigen. Im Basis-Seminar wird vermittelt, wie Du mit Deinem Krafttier in Kontakt trittst. Mach den Krafttiertanz und singe dein Kraftlied. Schaff Dir zu Hause einen Raum, wo Du Dich wohlfühlst und in die Praxis gehst. Besuche eine Core-Schamanische Trommelgruppe, hier ist Raum sich zu begegnen, sich auszutauschen, zu praktizieren, sich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.
Habe Geduld und Ausdauer – denn diese sind Teil des schamanischen Weges! Tanze und Singe – denn dies sind schamanische Tugenden! Gehe in die Natur, höre zu – dem Baum, dem Fluss, der Ameise.

 

Im erstenTeil des Interviews denkt Adele über die Gemeinschaft nach und über den Beitrag, den schamanisch Praktizierende zu einem positiven Wandel beisteuern können. Was bedeuten Verbundenheit und Berührung für unsere Gesellschaft?

Adele Erle ist im psychosozialen Bereich tätig und Fakultätsmitglied der Foundation for Shamanic Studies Europe.