SCHAMANISMUS UND KREATIVITÄT

Eine der größten Überraschungen, die Schamanismus für uns bereit hält, ist die Freude am Unbekannten und die Tatsache, dass Unbekanntes Freude macht. Die Kreativität, die jeder schamanischen Reise innewohnt, bringt ein Gefühl von Ganzheit mit sich. Obwohl Schamanismus und Kreativität normalerweise nicht in einem Atemzug genannt werden, zeigt ein relativ oberflächlicher Überblick über Kreativitätsstudien, dass die schamanische Reise in Zusammenhang mit zwei der unbekanntesten, geheimnisvollsten und abstraktesten Elemente des kreativen Prozesses, wie er oft definiert wird, steht.
Außerdem können jüngste Forschungen, welche die Beziehung zwischen Struktur und Kreativität (1) zum Inhalt hatten, direkt auf die Erfahrungen schamanischer Reisen umgelegt werden. Nicht nur, dass die schamanische Reise Elemente des schöpferischen Prozesses in ihrer Eigenschaft als eines kreativen Aktes beinhaltet, kann sie auch in den Dienst der produktiven Kreativität gestellt werden. Reisen verbessert den Zugang zu Kreativität und stimuliert deren Weiterentwicklung. Wenn man Kreativität aus dem Blickwinkel der Erfahrung von schamanischen Reisen zu betrachten beginnt, dann stellt man schnell fest, dass Kreativität nicht ein wenigen Begabten vorbehaltenes Privileg ist und auch nicht auf Routineautomatismen reduziert werden kann, sondern dass damit ein bis dahin schlummerndes Potenzial aktiviert und auf vielerlei Gebieten freigesetzt werden kann.

Forscher haben versucht, Kreativität und das, was eine kreative Persönlichkeit ausmacht, von den verschiedensten Standpunkten aus zu beschreiben. Bei Wallas (2) findet man schon sehr früh eine Einteilung des schöpferischen Prozesses in vier verschiedene Stufen, nämlich in Vorbereitung, Reifung, Erkenntnis und Überprüfung. Seither gab es auch andere Ansätze, um die verschiedenen Bestandteile von Kreativität (3) zu verstehen. Versuche, die kreative Persönlichkeit zu untersuchen, waren erstaunlich unterschiedlich und führten zu keinerlei klaren Ergebnissen – weder in Bezug auf die notwendigen noch auf die ausreichende Existenz von kreativen Eigenschaften. In einigen Beschreibungen werden besonders Denkprozesse kreativer Personen hervorgehoben, die sich durch Flexibilität, Originalität und Wendigkeit auszeichnen. (4) Eine ganze Palette von Eigenschaften wie Durchhaltevermögen, Unabhängigkeit, Unkonventionalität (5) und anderen Qualitäten, die für sich allein genommen bestimmend für Kreativität sein können oder auch nicht, sind charakteristisch für außerordentlich kreative Menschen. Vieles in Bezug auf den Prozess und die Persönlichkeitsaspekte von Menschen, die sich schöpferisch ausdrücken, muss noch erforscht werden.

Glücklicherweise bedarf die Erfahrung von Kreativität keiner wissenschaftlichen Erklärung zu ihrer Bestätigung. Wir können von dem lernen, was wir erfahren und Annahmen, die von Wissenschaftlern getroffen werden, testen. Durch den Lernprozess über und die Erfahrung von Kreativität schaffen wir die Grundlage, auf der wir diese bewusst weiterentwickeln können. Analysiert man die Erfahrungen, die man auf schamanischen Reisen macht, dann kann das für die Klärung der Gesetzmäßigkeiten des schöpferischen Prozesses hilfreich sein.
Obwohl sich viele Personen Kreativität mit mehr oder weniger Etappen als jenen vieren vorstellen, die Wallas definierte, so bilden diese doch eine nützliche Grundlage für Überlegungen in Bezug auf die Frage, wie die schamanische Reise Kreativität unterstützt und in welcher Weise diese zu dem Verständnis des schöpferischen Prozesses aus der Sicht der westlichen Psychologie passt. Wenn man es mit einem Problem zu tun hat, dann deshalb, weil eine Situation nicht auf normalem Wege gelöst werden konnte, weil irgendein aktiver Versuch, die Dinge zu regeln, erfolglos verlief und daher weiter bearbeitet werden muss. Der veränderte Bewusstseinszustand einer schamanischen Reise bietet die Gelegenheit eines bewusst herbeigeführten Reifungsprozesses, der sich wesentlich von einer direkten Inangriffnahme eines Problems unterscheidet. Bei der Divinationsreise passiert es oft, dass der oder die Reisende eine ganz unerwartete Information, also eine Inspiration, erhält. Dann muss diese Inspiration in die Praxis umgesetzt und überprüft werden, wodurch der Prozess mit einem schöpferischen Akt abgeschlossen wird. In jüngster Zeit konzentrierte sich die Forschung nur auf diesen Aspekt beim Erlernen von kreativem Denken. (6)
Die schamanische Reise an sich wird zum Katalysator für zwei Aspekte des Prozesses, nämlich einerseits für den Reifungsprozess, der durch den veränderten Bewusstseinszustand ausgelöst wird und andererseits für die Inspiration, die man aufgrund des Inhaltes dieser Erfahrung erhält. Das Formulieren einer divinatorischen Fragestellung oder eines Problems sowie die Interpretation der Reise sind Fähigkeiten, die man erlernen kann und die durch die wiederholte Verwendung der Methode sowie die konsequente Erstellung der Landkarte des individuellen Kosmos gefördert werden. Die Integration und Umsetzung von Inspirationen in der materiellen Welt lassen Vertrauen in den Prozess als einem Ergebnis von Erfahrung entstehen. Was anfangs vielleicht ein Akt des Mutes war, wird zu einer Handlung zutiefst bewusster Ganzheit. Man entscheidet sich willentlich für diese Erfahrung und taucht während der Dauer derselben zur Gänze in sie ein. Dann legt man diese Erfahrung um, indem man sie nach reiflicher Überlegung auf die alltägliche Wirklichkeit anwendet.

Die im Core-Schamanismus verwendeten Methoden zu reisen, welche in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts von Michael Harner (7) in transkulturellen Studien herausgefunden wurden, stellen eine Möglichkeit dar, wie wir in kreativer Weise spirituelle, kulturelle, emotionale und physische Elemente integrieren können. Obwohl die Wurzeln von Schamanismus im Dunklen liegen, so ist dieser doch mindestens 30 000 Jahre alt oder auch noch älter, wie Höhlenzeichnungen aus dem Paläolithikum zeigen. (8,9) Es gibt zudem noch historisches und ethnographisches Beweismaterial, das zeigt, dass die Ureinwohner in der ganzen Welt, obwohl sie geographisch und kulturell weit voneinander entfernt waren, bis zum heutigen Tag unabhängig voneinander schamanisierten. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die jeweilige spezifische kulturelle Praxis anders ausgestaltet war. Im Kern jedoch gleichen die Methoden einander in hohem Maße und lassen mehrfach auf allen Menschen eigene, den Körper und den Geist betreffende Aspekte von Spiritualität schließen.
Das markanteste Merkmal des Schamanen ist die Reise oder der „Seelenflug“. (10) Die Reise wird mit einem bestimmten Ziel von einem Platz aus angetreten, den man persönlich kennt, und sie führt zu einer Quelle, die Information und Heilkraft zur Verfügung stellt. Traditionell bitten Mitglieder einer Stammesgemeinschaft den Schamanen um Hilfe bei der Lösung von Problemen, um die Diagnostizierung und Heilung einer Krankheit, eine Divination oder Vorhersage, die Erlangung von Kraft oder um eine Psychopompos-Arbeit. Im Verlauf der Reise entstehen spontan tiefe Erfahrungen, die oft weit über visuelle Eindrücke hinausgehen und an welche der Schamane sich erinnern muss. Die Rückkehr von der Reise erfolgt, indem man die Verkettung der Ereignisse in umgekehrter Reihenfolge bis zu jenem Punkt durchläuft, an dem die Reise ihren Ausgang nahm. Daher sind Konzentration und Erinnerungsvermögen wichtige Aspekte einer erfolgreichen schamanischen Arbeit. In Bezug auf Kreativität kommt der Funktion der Problemlösung die größte Bedeutung zu.
Dann interpretiert der Schamane die auf der Reise erhaltene Information. Es erfordert Disziplin und Erfahrung, einerseits die Frage zu formulieren und andererseits die Antwort zu interpretieren und zu integrieren. Obwohl die meisten Menschen, auch in den Vereinigten Staaten und Europa, das Reisen innerhalb weniger Stunden erlernen, sind manche geschickter als andere. Die meisten, die lernen, verfolgen die Sache nicht ernsthaft weiter, weil dafür Disziplin und kontinuierliches Lernen vonnöten wären. Der Schamane übt seine Tätigkeit normalerweise nicht als Vollzeitberuf und in erster Linie als Dienst an der Gemeinschaft aus.

Der Schamanismus als altes und dauerhaftes, wenn auch bedrohtes System, beruht auf grundlegenden menschlichen Fähigkeiten und Potenzialen. Er ist in der heutigen Welt ebenso relevant wie er es die letzten Jahrtausende war. Durch Suchen und Erfahrung lernen wir kontinuierlich, wie wir am besten aus seinen Lehren profitieren können. Die Anwendung von Schamanismus ist ein kreativer Akt, welche auf der Fähigkeit beruht, die Grenzen der alltäglichen Wirklichkeit überschreiten und die schamanische Welt betreten zu können, und zwar mit jenem Vertrauen, das aus persönlicher Erfahrung erwächst. Insofern basiert Schamanismus auf Erfahrung und ist kein Glaubenssystem. Traditionell handelt es sich um eine Methode zur Lösung von Problemen. Es mag sich zwar der Inhalt der Probleme geändert haben, die Notwendigkeit, Probleme zu lösen, besteht aber weiterhin.
Die schamanische Reise, die ein kreativer psychospiritueller Prozess ist, stellt eine zu jeder Zeit überall auf dem Planeten bekannte Methode dar. Die Wiederbelebung der Praxis des schamanischen Reisens gibt dem westlichen Menschen eine Reihe an Methoden zur direkten Entdeckung und Wiederentdeckung schamanischer Erfahrungen und Inhalte sowie die Möglichkeit an die Hand, das ihnen innewohnende kreative Potenzial anzuzapfen. Schamanismus, der heute ebenso wichtig ist wie er es in der Vergangenheit war, ist unser Erbe, und es liegt an uns, ihn weiterzugeben. Dieses so lang erworbene und so großzügig von unseren Vorfahren bereitgestellte Wissen kann bewahrt werden, wenn wir ihm unsere Achtung und Aufmerksamkeit widmen.

© Shamanism, Herbst/Winter 1999, Vol. 12, No. 2

Quellen
(1) Wycoff, Joyce (1991): Mindmapping. New York: Putnam Berkley.
(2) Wallas, Joseph (1926): The Art of Thought. New York: Harcourt Brace.
(3) Patrick, Catharine (1935): Creative Thought In Poets. Archives of Psychology. Vol.26:1-74; Patrick, Catharine (1937): Creative Thought in Artists. Journal of Psychology Vol. 4:35-73; Patrick, Catharine (1938): Scientific Thought. Journal of Psychology. Vol. 5:55-83. Rossman, J. (1931): The Psychology of the Inventor. Washington: Inventors Publishing. Osborn. A. F. (1953): Applied Imagination. New York: Scribners. Stein. M. (1967): Creativity and Culture. In: R. L. Mooney and T. A. Razik (eds.): Explorations in Creativity. New York: Harper. Werthelmer. M. (1945): Productive Thinking. New York: Harper.
(4) Guilford, J. P. (1950): Creativity. American Psychologist Vol. 5:444-454; Guilford, J. P. (1957): Creative Ability in the Arts. Psychological Review. Vol. 64:110-118; Guilford, J. P. (1959): Traits of Creativity. In: H. H. Anderson (ed.): Creativity and Its Cultivation. New York: Harper and Row.
(5) MacKinnon, D. W. (1968): Selecting Students with Creative Potential. In: P. Heist (ed.): The Creative
College Student: An Unmet Challenge. San Francisco: Jossey-Bass.
(6) Goldenberg, J., D. Mazursky, and S. Solomon (1999): Creative Sparks. Science. Vol. 285:1495-1496.
(7) Harner, Michael (1980): The Way of the Shaman. San Francisco: Harper and Row; auf deutsch verfügbar unter: Harner, Michael: Der Weg des Schamanen. München: Heyne.
(8) Chauvet, Jean-Marie, Ellette B. Deschamps, and Christian Hillaire (1996) Dawn of Art: The Chauvet Cave. New York: Abrams.
(9) Clottes, Jean and Jean Courtin (1996): The Cave Beneath the Sea. New York: Abrams.
(10) Eliade, Mircea (1964): Shamanism: Archaic Techniques of Ecstasy. Bollingen Series LXXVI. Princeton: Princeton University Press; auf deutsch verfügbar unter: Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. 11. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Dr.in Sandra Harner ist Mitbegründerin und Vizepräsendentin der Foundation for Shamanic Studies.