WISSEN ERLANGEN DURCH REISEN

wissen

Bevor ich mit meinem Vortrag beginne, möchte ich Sie auf eine Besonderheit aufmerksam machen. Wir haben eine Gruppe von Schamanen aus Tuva in Zentralasien hier bei uns in Wien. Sie werden an dieser Konferenz teilnehmen, um uns an ihrem Wissen und ihrem Können teilhaben zu lassen. Und sie haben sich bereit erklärt, bevor wir mit dem Vortrag beginnen, unsere Arbeit zu segnen und durch ihr Trommeln zu begrüßen.
(Die fünf Schamanen trommeln).
Ich danke den tuvinischen Schamanen, dass sie getrommelt und uns damit wieder einmal auf die Wichtigkeit dieses alten schamanischen Hilfsmittels aufmerksam gemacht haben.
Die Trommel wird seit Tausenden von Jahren verwendet, hier in Europa genauso wie auf der ganzen Welt. Insbesondere im Norden Europas, unter den Samen (früher Lappen, d. Lektor) hat die Trommel bis zu Beginn dieses Jahrhunderts als wichtigstes Werkzeug des Schamanen für dessen Reise überlebt. Selbstverständlich gibt es viele andere Wege, um in diese andere Wirklichkeit der Schamanen zu gelangen, aber die Trommel ist einer der wichtigsten.

Forschungen am Oberen Amazonas
Ich wurde mit dem Schamanismus zuerst am Oberen Amazonas bekannt. Dort werden keine Trommeln verwendet, sondern starke psychedelische Drogen oder Halluzinogene, wie sie eben landesweit vorkommen. Mit deren Hilfe gelingt den Schamanen der Eintritt in diese andere Wirklichkeit, die Carlos Castaneda nicht alltägliche Wirklichkeit genannt hat. Und für Schamanen ist das eine echte Wirklichkeit, denn sie erfahren diese mit ihren Sinnen ganz unmittelbar, sozusagen aus erster Hand; es ist nichts, worüber sie sich etwas anlesen könnten oder das sie nur vom Hörensagen her kennen.
Das ist der Grund, weshalb Schamanen – und selbstverständlich auch Schamaninnen – in den Stammeskulturen als Wissende angesehen werden, denn Schamanismus heißt nicht glauben, sondern wissen. Die Schamanen wissen aus erster Hand über die Wirklichkeit Bescheid, die jenseits dieser alltäglichen Wirklichkeit liegt, die wir aus unserem täglichen Leben kennen. Gelehrte sagen oft, Schamanen betreten diese Wirklichkeit in Trance, aber ich verwende diesen Ausdruck nicht, weil er sehr verschiedene Zustände, auch solche des des Alltags, meinen kann. Auf den Bildschirm des Computers zu starren, im Fernsehen einem Fußballspiel zu folgen, seinen Wagen über die Autobahn zu jagen oder dem Reden seines Partners zuzuhören – das alles sind Gelegenheiten, in Trance zu geraten. So zeigt sich, dass „Trance” zumindest im Englischen eine beschränkte Wortbedeutung hat, und ich ziehe den Ausdruck „Schamanischer Bewusstseinszustand” vor. Er bezeichnet nicht nur einen seelischen oder physiologischen Zustand, sondern einen, in dem der Schamane diszipliniert, bewusst und wissend arbeitet. Schamanische Arbeit bedeutet echtes Wissen, und deshalb werden Schamanen als Wissende angesehen.

Sie sehen, was andere nicht sehen
Aber Schamanen sind in ihren Kulturen auch als Seher bekannt, denn sie sehen, was andere Menschen nicht sehen. Unglücklicherweise haben viele westliche Gelehrte jahrelang angenommen, dass Schamanen verrückt sind, eben weil sie Dinge sehen, die andere nicht sehen können. Unter dieser Prämisse wären freilich auch Einstein verrückt und Friedrich August Kekule, der den Benzolring in einer Vision sah. So ist das eben: Schamanen müssen Dinge sehen, die andere nicht sehen, das ist ihr Job. Es heißt, daß Schamanen verrückt sind, aber sie waren glücklich, in verrückten Kulturen zu leben und nicht in so gesunden wie etwa in New York; in so verrückten also, wo die Menschen im Einklang mit der Natur lebten. Das gilt glücklicherweise nicht mehr in der Psychoanalyse – zumindest glaube und hoffe ich das.
Es ist wunderbar, dass Schamanen zu diesem Kongress eingeladen wurden und dass es hier, im Rahmen der modernen Psychotherapie, ein eigenes schamanisches Subsymposion gibt. Denn nun ist der Punkt gekommen, wo wir bereit sind, auf die Stimme unserer Vorfahren zu hören. Sie wissen, es ist eine Tragödie, dass so viel vom Wissen unserer Ahnen verloren gegangen ist – sowohl in Europa als auch in den anderen Hochzivilisationen.

Die Wunder Jesu im Amazonasdschungel
Man könnte nun sagen: Wenn Schamanismus so wertvoll ist, weshalb ging dann das Wissen verloren? Diese Frage hängt eng mit dem Aufstieg dieser Zivilisationen zusammen, mit den staatlichen Autoritäten, mit den Priestern und den zentralistischen kirchlichen Hierarchien. Nicht nur in Europa, sondern überall.
Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Als ich 1960 und 1961 bei den Conibo am oberen Amazonas lebte, kam immer ein Missionar aus Nordamerika in unser Dorf. Er sprach das Idiom der Indianer gut, und sie mochten ihn, weil er der Erste war, der ihnen aus Büchern vorlas. Es war zwar immer dasselbe Buch, aber das spielte keine Rolle, die Indianer mochten das trotzdem.
Eines abends kam er wieder und las über die Wunder Jesu. Die Indianer hörten das besonders gern. Bei der Verabschiedung, als sie ihn zum Fluss zu seinem Kanu begleiteten, ging ein alter Schamane mit ihm, und auch ich ging mit. Der Schamane sagte zum Missionar: „Das war eine hervorragende Geschichte, die du uns da vorgelesen hast, von Jesus und diesem toten Lazarus, den er zum Leben erweckt hat”. Und der Schamane fügte hinzu: „Du weißt, dass du vollkommen recht hast. Wir hatten das hier einige Nächte zuvor, und es funktionierte”.
Ich denke, dass man nicht viel Phantasie braucht, um die Gefahren des Schamanismus für organisierte Religionen zu erkennen.
In den alten Zeiten hatten unsere Vorfahren ihren eigenen spirituellen Zugang zum Universum. Sie verwendeten das, um Mitglieder ihrer Gemeinschaft zu heilen oder für divinatorische Zwecke, also für solche der Weissagung, und um Antworten auf Fragen zu erhalten. Divination war das Holen heiligen Wissens mit Hilfe der Trommel, anderer Schlaginstrumente und in etwa zehn Prozent der schamanischen Kulturen auch mit Drogen. Es gibt viele Türen, durch die der Schamane gehen kann, um Hilfe von den Geistern, den spirits, zu erhalten, aber alle kamen zum selben Platz und erhielten dasselbe Wissen. Sie sind nicht nur Seher in dem Sinne, dass sie sehen, sondern sie gehen in eine andere Wirklichkeit, wo sie mit allen ihren Sinnen wahrnehmen, was vor sich geht. Sie hören, tasten, berühren, riechen, fühlen Bewegungen – jedem Sinn teilt sich etwas mit. Das ist der Hauptgrund, warum wir das „Wirklichkeit”, mit Castaneda eben „nicht alltägliche Wirklichkeit”, nennen.

Ein Universum voller Kraft und Weisheit
Freilich ist es erheblich mehr. Es ist ein vollständiges, wenn auch verborgenes Universum voller Weisheit und voller Kraft. Schamanen in aller Welt kennen drei Welten: Unsere, die Mittlere Welt, dann die Obere und die Untere Welt. In der Unteren und der Oberen Welt gibt es viele Ebenen. Wenn Schamanen heiliges Wissen erwerben oder Heilung haben wollen, dann verlassen sie diese Welt auf einer schamanischen Reise. Die Schamanen aus Tuva hier zum Beispiel kennen diese Reise gut; sie verwenden dazu die Trommel. Die Trommel, sagen Schamanen in Sibirien, ist unser „Pferd”. Andere wieder nennen sie „mein Rentier”, je nachdem, welches Tier sie zum Reiten verwenden. Am Amazonas heißt es oft: „Die Trommel ist unser Boot”. Die Trommel verhilft dem Menschen zu einem veränderten Bewusstseinszustand, in dem er in andere Welten gelangen kann. Um das zu verstehen, genügt es einfach, die Methoden anzuwenden.
Ein Missverständnis, das sich aus unserem westlichen Gelehrtenwissen ergab, war, dass man zunächst annahm, man müsse ein außergewöhnlicher Mensch sein, um die Welt der Schamanen erfahren zu können. Tatsächlich ergaben unsere eigenen Untersuchungen, dass 90 Prozent der Menschen der westlichen Welt leichten Zugang zu diesen Welten haben. Das heißt selbstredend nicht, dass sie Schamanen sind, das heißt nur, dass sie beginnen können. So ähnlich, wie man eben auch Auto fahren lernt.

Die Erinnerungen kommen zurück
Wenn Sie in diese anderen Welten kommen, so werden Sie die Erinnerung an dieses verborgene Universum wiedererlangen – des Universums, aus dem Sie kamen, als Sie geboren wurden und in das Sie zurückkehren werden, wenn Sie sterben. Und das ersetzt allmählich Teile Ihres Gedächtnisses der alltäglichen Wirklichkeit. Ich will mich nicht nur selbst rechtfertigen, sondern ich bin der Meinung, dass das tatsächlich geschieht. Durch seine Reisen wird der Schamane mehr und mehr ein Teil dieser Welt der helfenden spirits.
Warum tut das der Schamane? Weshalb geht er hinauf und hinunter und bleibt nicht hier, in der Mittleren Welt?
Der Schamane kann das, er kann auch Geister in diese Mittlere Welt bringen, herunter oder herauf, aber das unterscheidet ihn nicht von anderen. Wie Mircea Eliade in seinem Standardwerk „Schamanismus und archaische Ekstasetechnik” 1951 gezeigt hat, ist das einfachste Kennzeichen für einen Schamanen die Fähigkeit zur schamanischen Reise; Eliade nannte das „Ekstase”, andere nannten es „Trance”. Heute sagen wir „schamanischer Bewusstseinszustand” dazu, der verschiedene Tiefen kennt.
Der Schamane geht dorthin, um Klarheit zu bekommen.
Hier, in der Mittleren Welt, sind die Dinge eher verworren, und ich nehme an, dass auch Sie das schon herausgefunden haben (wenn nicht – Glückwunsch). In diesem Fall brauchen Sie dafür nicht mehr Schamanismus zu lernen, dann sind Sie bereits drüben. Auch im spirituellen Aspekt der Mittleren Welt ist vieles konfus. Aber wenn man, wie die sibirischen Schamanen sagen, aus der Zeit hinaus, in die Obere oder in die Untere Welt geht, kommt man in die Runde der Götter, der Göttinnen und der Vorfahren – in die Welt der Geister, die jenseits der Verwirrtheiten der Mittleren Welt sind. Es sind Geister, lebende Wesenheiten, die einmal hier gelebt haben, die uns und unsere Lage kennen und sehen, wie schwer wir es haben – und sie sehen das besser als wir, denn sie sind nicht unmittelbar drinnen. Sie haben Mitgefühl für uns, und da sie erst kürzlich hier waren, verstehen sie unsere Situation gut.
Nicht nur im Schamanismus, sondern in jeder größeren Religion wenden sich Menschen an Mittler um Hilfe – egal, ob es sich nun um Heilige oder um die Heilige Dreifaltigkeit handelt, ob wir nun Hinduismus, Christentum oder eine andere Religion betrachten.

Kenntnisse aus erster Hand
Das Gleiche macht der Schamane, aber er betet nicht nur, sondern er reist hin, weil er diese Helfer aus erster Hand, aus eigener Erfahrung, kennt. Und mit Einfühlungsvermögen sucht er Hilfe für seine Gemeinschaft, denn Schamane oder Schamanin sind Heiler.
Oft macht der Schamane das widerwillig, aber er weiß, dass die Menschen Hilfe brauchen. In diesem Sinne bringt sich der Schamane selbst als Opfer dar – zum Nutzen der Menschen, aber auch zum Nutzen der Pflanzen und Tiere. Aber es ist kein trauriges Opfer, denn diese Reisen sind ekstatische Erlebnisse. Nicht Ekstase im Sinne von Trance, sondern Ekstase als größtmögliche Freude, die ein Mensch haben kann. Eine Freude, die gemischt mit Tränen ist, eine heilige Ekstase.
Manchmal wundern sich westliche Gelehrte, weshalb alte Männer die ganze Nacht lang mit ihrer Trommel umherhüpfen und so viel auf sich nehmen und leiden – aber in Wahrheit leiden sie nicht. Sie sind voll der Kraft, und die Kraft kommt von ihren spirits. Und: Nicht sie machen die Arbeit.
Das ist nämlich eines der großen Geheimnisse im Schamanismus: Nicht die Schamanen machen die Arbeit, sondern ihre Geister. Was aber sind die Geister? Ich stelle diese Frage hier provokant, weil ich weiß, dass das oft ein Problem für die westliche Wissenschaft ist. Unsere Vorfahren wussten genau, dass es Geister gibt, und sie lebten jeden Tag, immer und überall mit ihnen. Tatsächlich sind auch die meisten westlichen Menschen der Meinung, dass es Geister gibt. Wenn man nun annimmt, dass jeder von uns einen Geist (spirit) hat, dann gibt es nun fünf Milliarden spirits auf der Welt oder noch mehr. Glauben Sie an die Heilige Dreifaltigkeit, haben Sie drei, glauben Sie an die Heiligen, sind es viele. Es ist eher eine Frage qualitativer Analyse als eine ihrer Existenz und ihres Aufenthaltsortes.

Der Geist des Außenbordmotors
Als ich meine ersten Unterweisungen am oberen Amazonas erhielt, wo ich mich bei den Conibo aufhielt und Ayahuasca (bewusstseinsverändernder Schamanentrank aus der Droge Banisteriopsis caapii aus der Liane ayahuasca, d. Üs.) nahm, eine starke psychedelische Substanz, da dachte ich, ich würde von spirits, Geistern, etwas verstehen. Denn in der Nacht würden wir mit dem Geist der Anaconda, einer Riesenschlange, dem Geist des schwarzen Puma oder dem des Süßwasserdelfins arbeiten. Aber stattdessen begannen wir eines Nachts, mit dem Geist des Radios, mit dem Geist des Außenbordmotors und mit dem Geist des Flugzeuges zu arbeiten. Das war sehr eindrucksvoll, aber nicht einfach.
Alles, was der Schamane in der Dunkelheit oder mit geschlossenen Augen sieht, ist ein Geist. Das heißt aber noch lange nicht, dass es sich einfach nur um ein Bild handelt. Im Laufe seines Kontaktes mit Geistern – und er studiert diese systematisch – kommt der Schamane auch drauf, dass sie helfen. Und aus dieser Erfahrung weiß er, zu wem er etwa in die Obere oder Untere Welt gehen muss, damit ihm geholfen wird.
Wie Sie wissen, wurde die Vorstellung von den Geistern in der Zeit der Aufklärung zerstört. Erinnern Sie sich? Vielleicht sind Sie zu jung dafür… es war schon im 18. Jahrhundert. Und davor hatte es sich die Inquisition zur Aufgabe gemacht, den Schamanismus umzubringen, denn die Inquisitoren hatten ihre eigenen Vorstellungen von erlaubten Geistern. Aber nach den Inquisitoren führte, teilweise in Reaktion auf die Kirche, die Wissenschaft die Ausrottung zu Ende, indem sie a priori festlegte, es gibt keine Geister. Daher ist Wissenschaft eine reine Glaubenssache, da sie bestimmte Erscheinungen von vorneherein ausgeschlossen hat – und zwar ohne dass die Sache jemals geprüft worden wäre (frenetischer Applaus).
Zum Glück ändern sich die Dinge. Wir sind da, und die Tuvinier sind da. Wir sind hier, um von unseren Vorfahren zu lernen, und es spielt keine Rolle, welche Hautfarbe sie haben. Sie halten das heilige Wissen lebendig und lassen uns Lebende daran teilhaben. Ich hoffe, dass wir nicht mehr allzu weit von einer Zeit entfernt sind, da wahrhafte Wissenschaft nicht auf dem Glauben, es gäbe keine Geister, basieren wird, sondern darauf, dass jedes denkmögliche Phänomen existieren könnte und untersucht werden sollte.
Der Schamane war immer Wissenschaftler; er war einer der ersten Gelehrten der Menschheit. Er experimentierte mit den Pflanzen, um herauszufinden, was als Arznei geeignet sei. Der Schamane kann mit den Pflanzen reden und herausfinden, wogegen sie helfen können. In den USA und Europa haben wir nun ganz moderne Studenten, die tatsächlich darüber Bücher geschrieben haben, was sie im direkten Gespräch mit Pflanzen erfahren haben. Diese Bücher enthalten uraltes Wissen – Wissen, das in China und anderswo auch in den alten Zeiten bekannt war – aber die Autoren haben alles unmittelbar von den Pflanzen. So arbeiten eben die Schamanen, sie können mit allem reden. Sie heilen die Toten ebenso wie die Lebenden, indem sie als psychopompos (Seelengeleiter, d. Üs.) die Seelen der Toten zu den besten Plätzen bringen. Es gibt praktisch nichts, wobei Schamanismus nicht helfen könnte, und niemals war es ein elitäres System. Schamanismus ist für alle da, die Hilfe brauchen, und Schamanismus ist zudem ganzheitlich.
Zurück zum Titel des Vortrags. Wir befassen uns hier mit den divinatorischen Techniken der Schamanen. Kam ein Fremder zum Schamanen, der Hilfe brauchte, so vertieften sich die Schamanen niemals in die Lebensgeschichte des Fragers. Das brauchten sie nicht, weil die Geister die ohnehin kennen, und der Schamane braucht nur die Geister zu fragen. Eine der Möglichkeiten hiezu ist die schamanische Reise: Der Schamane fragt die Geister nach der Antwort. Das kann der Schamane selbstredend auch für sich selbst machen.

Kopfhörer und CD statt der Trommel
Auf dieser Grundlage haben wir in der Foundation for Shamanic Studies das System des Shamanic Counseling geschaffen, das Ihnen vielleicht interessant vorkommen wird. Anstelle einer Trommel verwendet der Klient Kopfhörer; die Trommelschlagfrequenz ist zwischen 4 und 7 Hertz (Schläge pro Sekunde, d. Üs.), und dieses monotone Trommeln ist sehr wirkungsvoll. Dem Klienten wird erklärt, wie er in Untere und Obere Welt reist, aber was er dort vorfindet, das wird ihm nicht gesagt – das wäre sonst Religion und nicht Schamanismus. Schamanismus ist eine Methode und keine Religion. So reisen sie, finden jemanden, fragen den etwa „Bist du mein Lehrer?” und wenn der zustimmt, dann stellen sie ihm ihre Frage. Wer das gelernt hat und damit umgehen kann, wird herausfinden, dass er die Antwort entweder direkt oder symbolisch-metaphorisch bekommt. Und die Antworten passen genau; jeder bekommt sie so, dass er sie versteht – und jeder spürt diese Stimmigkeit.
Bei uns gibt es Menschen, die diese Methode unabhängig anwenden; sie heißen Shamanic Counselor (schamanische Berater). Sie beraten den Klienten in Bezug auf die Methode, aber nicht in der Sache, nicht in der Frage, die der Klient hat. Denn die wahren Berater für seine Lebensprobleme findet der Klient in der nicht alltäglichen Wirklichkeit. Eine halbe Stunde genügt in der Regel, um diese vollkommene Information zu erhalten. Und nur der Klient interpretiert seine Reise, sonst niemand.
Manchmal muß der Counselor still dasitzen und den Mund halten, denn vielleicht möchte er sagen „Oh, ich möchte doch zu gerne wissen, was das bedeutet” – aber der Counselor hat immer Unrecht. Und hätte er Recht, wäre es auch falsch, denn es hilft dem Klienten nicht – er muss selbst draufkommen. Ich werde oft gefragt: Kann man diesem Wissen, kann man diesen Antworten trauen? Und dann stelle ich die Gegenfrage: Woher wissen Sie, dass Sie Ihrem Zahnarzt, Ihrem Anwalt oder diesem oder jenem Menschen trauen können? Und ich bekomme zur Antwort: Nein, dieser Antwort traue ich nicht. Dann sage ich wieder: Gut, Sie werden lernen, der Antwort zu trauen, indem Sie sie nicht beachten. Und ein paar Monate später werden Sie sehen, dass Sie der Antwort doch hätten trauen können. Das ist ganz einfach.

Ein System für die Praxis
Die Arbeit des Schamanen ist praktisch und nicht geheimnisvoll. Was voller Geheimnisse ist, ist unsere Unfähigkeit, das ernst zu nehmen. Damit wir glauben, müssen Menschen weiße Kittel tragen und sich in Laboratorien aufhalten. Federn – nein, also Federn dürfen sie nicht tragen. Wie können die mit Federn überhaupt irgendetwas wissen? Dabei haben sie nur das am längsten bewährte und am besten ausgetestete System zur Verfügung, das die Menschheit kennt. Psychotherapie – Neuzeit. Moderne Medizin – Neuzeit. Das aber ist Steinzeit! Das ist nicht neu, aber es ist überprüft. Auf allen bewohnten Kontinenten entdecken die Eingeborenen dasselbe immer wieder neu!
Und das ist der Punkt, auf den wir achten sollten: Es funktioniert.
Es spielt keine Rolle, wie Sie damit beginnen, ob mit der Trommel oder mit Counseling. Es spielt auch keine Rolle, wenn Sie sagen „Oh, das muss meine Einbildung sein”. Bleiben Sie dabei, machen Sie weiter, und Sie werden sehen, was Sie entdecken. Unser Hirn ist nicht das größte Ding im Universum. Ich weiß, für viele ist das ein Schock, aber es könnte tatsächlich bedeutendere Dinge im Universum als den Menschen geben. Und, nochmal: Es ist nicht blinder Glaube, der uns das lehrt, sondern wir entdecken das durch Erfahrung aus erster Hand.
Schamanen sind Wissende. Und das ist das Problem mit Menschen, wie ich einer bin: Ich rede und versuche Sie zu überzeugen – das ist unsere westliche Art und ganz und gar unschamanisch. Alles, was ich tun kann, ist, Ihnen das Eis hinzuhalten und Sie zu ermuntern, einmal dran zu schlecken. Kosten und sehen Sie, wie’s schmeckt. Ihr Leben wird niemals wieder das sein, was es vorher war.
Ich danke Ihnen.

Prof. Dr. Michael Harner ist Gründer und Vize-Präsident der Foundation for Shamanic Studies.

Vortrag von Michael Harner am 3. Juli 1996 beim Weltkongress für Psychotherapie, Wien