WUNDER – SCHAMANISCH BETRACHTET – Ein Erfahrungsbericht

„Die oberste Instanz, höchste Autorität auf dem Gebiete der Heilkunde ist die Natur. Wie Wunder nicht gegen die Natur, sondern nur gegen unser beschränktes Wissen von der Natur geschehen, so erfolgen Heilungen nicht gegen die Natur, sondern mit der Natur.“ (1)
Paul Uccusic

Dass Wunder auch heute, mitten unter uns und als Folge schamanischer Arbeit geschehen, belegt folgender Erfahrungsbericht einer österreichischen Schamanisch Praktizierenden.

Ein persönliches Wunder
Mein Name ist Teresa Lugstein, ich bin 48 Jahre alt. Durch die Spirits habe ich auf mehreren Ebenen Heilung erfahren. Die Heilung auf körperlicher Ebene ist nur ein Teil davon, aber sie ist wohl die Sichtbarste – und ein Wunder!

Zu meiner Geschichte
Bald nach meiner Geburt wurde beidseits ein sogenannter Ballenhohlfuß diagnostiziert. Zu spät jedoch, um zu diesem Zeitpunkt eine operative Korrektur durchzuführen. Schon als Kind war ich mit ständigen Schmerzen konfrontiert, meine Füsse krümmten sich stetig weiter nach innen, ich stolperte über meine eigenen Beine, laufen war nicht möglich. Als ich 17 Jahre alt war, hatte sich die Behinderung derart verschlechtert, dass ich nicht mehr gehen konnte. Es folgten Operationen, bei denen aus den Knochen im Rist ein Keil herausgenommen und der Fuß jeweils um 45° nach außen gedreht wurde. Damit verbunden verbrachte ich ein Jahr in Gipsfüssen. Die Operationen hatten zwar das äußere Fußbild verschönert, die Funktionsfähigkeit verschlechterte sich allerdings, seit dieser Zeit war ich nur mehr mit Krücken unterwegs.
Dazu kam, dass sich seit damals die Schmerzen auf meinen gesamten Körper, besonders auf den Rücken ausweiteten und ich immer weniger Kraft hatte, mich fort zu bewegen. Die Belastbarkeit in meinen Händen und Armen nahm ab. Oft hatte ich das Gefühl, vor Schmerz ohnmächtig zu werden und keine 10 Meter mehr gehend bewältigen zu können.
Sämtliche Ärzte und Ärztinnen, die ich konsultierte, konnten keine Ursache feststellen. Erst 2005 wurde an der Neurologischen Abteilung in Innsbruck endlich eine neuropathologische Erkrankung, genannt Charcot Marie Tooth Syndrom, Typ I diagnostiziert (2). Dabei handelt es sich um eine seltene Form einer neuralen Muskelatrophie, eine genetisch bedingten Erkrankung also, die häufig falsch oder gar nicht diagnostiziert wird. Dieses Krankheitsbild umfasst einen irreversiblen Muskelschwund an Händen und Beinen, bei dem die Symptome meist erst ab der Pubertät auftreten. Der Verlauf der Erkrankung ist individuell sehr unterschiedlich, bei manchen zeigt sich die Beeinträchtigung schmerzfrei und kaum sichtbar, andere sind früh auf den Rollstuhl angewiesen und haben mit Schmerzen zu kämpfen.
Somit hatte ich immerhin eine Diagnose. Dies war entlastend auf der einen Seite, die Perspektive war jedoch nicht sehr erbauend, da sich bei mir offenbar der zweitgenannte Verlaufstypus zeigte.
Meine Muskelkraft nahm weiterhin ab, Schmerzen schränkten meine Bewegungen und meine Leistungsfähigkeit mehr und mehr ein. 2006 wechselte ich daher von den Krücken in den Rollstuhl. Die bedeutet für mich anfangs eine große Überwindung, bis ich bemerkte, dass der Rollstuhl mir vieles an Mobilität zurückgab und Unabhängigkeit ermöglichte. Der Schmerz war und blieb dabei mein treuer Begleiter, der mich als erster am Morgen begrüßte und bis in den Schlaf an meiner Seite verweilte.
Trotz alledem konnte ich mir meine Lebensfreude bewahren und mich für meine Arbeit begeistern. Es gelang mir, den Schmerz während der Arbeit weitestgehend auszublenden und zu funktionieren, selbst wenn dies all meine Energie erforderte. Kaum Zuhause, klappte ich zusammen.

Heilung
Meine Verbindung zum Schamanismus war schon länger gegeben, so hatte ich auch bereits einige Seminare der Foundation for Shamanic Studies besucht. Vor ca. 4 Jahren nahm ich zum zweiten Mal am Seminar „Shamanic Counseling“ bei Paul und Roswitha Uccusic teil, um meine Kenntnisse zu vertiefen.
Am vorletzten Nachmittag fiel meine Klientin krankheitsbedingt aus und ich erinnere mich noch gut daran, dass Paul Uccusic mich fragte, ob ich die freie Zeit selber für eine Reise nutzen wollte. Ein Angebot, dass ich gerne annahm.
Die Frage, zu der ich letztendlich reiste, lautete „Wie kann ich ein stimmiges Leben führen?“ Es war eine schöne, aber unspektakuläre Reise. Umso mehr erschütterte mich die Wirkung, als ich nach ca. zwei Stunden merkte – irgendetwas ist anders. Damit verbunden kurz darauf die Erkenntnis – die Schmerzen sind weg. Viele Gedanken kreisten mir durch den Kopf – „Das kann doch gar nicht sein – so etwas gibt es doch nicht – ich habe doch gar nicht darum gebeten – was ist, wenn der Schmerz wieder kommt?“ Ich war bewegt und aufgelöst im wahrsten Sinne des Wortes. An Schlaf war nicht zu denken – bis da ganz klar eine Stimme zu mir sagte: „Es ist vorbei.“ Ab da hatte ich die Gewissheit und konnte einschlafen.
Die nächsten Tage und Wochen wechselten sich unterschiedliche Gefühle ab: Freude, weinen, aufgelöst sein – alles in mir – mein Körper musste sich neu orientieren, eine Flut von neuen Erfahrungen prasselte auf mich herein. Der Schmerz hatte meine Bewegungen stark eingeschränkt – nun konnte ich endlich wieder durchatmen und dieses Gefühl einfach genießen. All die Existenzängste fielen mit einem Mal von mir ab, neue Perspektiven taten sich auf, eine völlig neue Lebensqualität breitete sich aus.
Es war ein wirklich unerwartetes Geschenk, welches ich von den Spirits empfangen hatte, denn trotz all der Schmerzen und der Beeinträchtigung war es für mich nie ein Thema gewesen, um Heilung in Bezug auf meine Behinderung zu bitten. Diese gehörte für mich irgendwie dazu, hatte einen Sinn.
Aber dem nicht genug. Etwa zwei Wochen nach dem Seminar merkte ich, dass die Muskelkraft wieder kam! Ich ging ins Fitnesscenter, ließ mir Übungen für den Muskelaufbau zeigen und trainiere seit dem regelmäßig an den Geräten.
Was für mich am ersten Tag im Fitnesscenter bereits möglich war, bestätigte mir erneut das Wunder. Um dies zu veranschaulichen: meine Hände waren durch die Muskelatrophie kraftlos und eingeschränkt in der Feinmotorik, selbst einfachste Übungen mit einem Gummiband waren nicht mehr bewältigbar. Und nun das! Ich konnte an diesem Tag mit Händen und Beinen doch tatsächlich Gewichte (!) stemmen.
Ohne Schmerzen zu sein war schon ein so wunderschönes Geschenk und befreite mich von einer großen Last. Mit einem Leben im Rollstuhl kam ich gut zurecht. Nun aber zu spüren, wie die Kraft zurückkehrte – das war für unfassbar!
Einige Monate später startete ich mit dem Dreijahresprogramm in der Schweiz. Dort, während der Ausbildung ließen mich die Spirits bei jedem Seminar weitere Heilung, neue Wunder erfahren. Im ersten Seminar lautete die Aufforderung ganz klar „Steh auf!“ Im zweiten Modul schickten sie mich auf beiden Beinen hinaus in die Natur und im dritten verinnerlichte ich durch sie die Kraft, im Alltag weiter zu gehen – ohne Rollstuhl und ohne Krücken!
Oft habe ich mich gefragt, warum diese Wunder immer in den Seminaren der Foundation for Shamanic Studies geschahen und warum nicht einfach daheim, z.B. bei meinen schamanischen Reisen. Zusammengefasst erkläre ich es mir so, dass ich die gebündelte Kraft und den Schutz der Spirits gebraucht habe, um selber an das Wunder zu glauben und dieses auch anzunehmen. Dazu brauchte ich die ZeugInnen aus der Gruppe. Genauso, wie sie es wohl brauchten, ein so sichtbares Wunder zu erleben. Die Zeit zwischen den Seminaren war wichtig zur Integration der Erfahrungen.
Um das zentrale Gefühl, dass sich in mir auftat, zu beschreiben: es war wie Erdplatten, die sich verschieben, neu formieren. Die darin wirkende Kraft und Energie zu spüren, die Erschütterung, Auflösung und Neuorientierung – deren Auswirkungen noch gar nicht fassbar sind.
Es ist nicht so, dass ich nun völlig ohne Rollstuhl unterwegs bin, bei längeren Strecken und zwischendurch benötige ich ihn immer wieder. Auch die Feinmotorik in den Händen ist nach wie vor eingeschränkt. Dies sind jedoch unwichtige Faktoren für mich.
Durch die Kraft der Spirits haben sich meine Perspektiven, hat sich mein Leben nicht nur auf der körperlichen Ebene völlig verändert, Grenzen haben sich aufgelöst, ich fühle mich befreit. Dieses Wunder hat meinen Glauben an die Spirits gestärkt, die Dankbarkeit und Verbundenheit sind groß.
Teresa Lugstein

Nachbetrachtung
Wunder sind aus rationaler (präziser: materialistisch-positivistischer) Perspektive nicht erklärbar und werden oftmals reduktionistisch, etwa im Sinne von Spontanheilungen, betrachtet oder schlicht negiert (als ´nicht möglich´ abgetan).
Aus schamanischer Sicht sind Wunder hingegen gut nachvollziehbar, nämlich durch den Einfluss der Geister. Ein Eingreifen der Geister kann vermeintlich Unmögliches möglich machen und so genannte (nach der Diktion der modernen Wissenschaften) Naturgesetze temporär außer Kraft setzen. Dies dürfte der Fall sein, wenn Kraft aus der nicht-alltäglichen erfolgreich in der alltäglichen Wirklichkeit, beim Klienten bzw. der Klientin, manifestiert wird (3).
Zudem weisen uns (Heil-)Wunder darauf hin, dass wir gut beraten sind, nichts auszuschließen, sondern an Lösungen zu arbeiten und Kraft zu mobilisieren, selbst wenn die Lage aussichtslos erscheint.
Man sollte Wunder vor allem dankbar zur Kenntnis nehmen.
Eine Ergründung zentraler Motive für ihr Zustandekommen kann aber nicht nur wissenschaftlich interessant sein, sondern zudem wichtige Erkenntnisse für die schamanische Heilarbeit fördern.
Teresa selbst hat folgende Faktoren identifiziert, die ihrer Ansicht nach zu ihrem persönlichen Heilwunder geführt haben:
• Gebündelte, massierte Kraft (wie sie etwa in Seminaren, Trommelgruppen, etc., aber auch in der regulären schamanischen Praxis aufgebaut werden kann)
• Schutz der Geister
• Glaube an Wunder – d.h., die subjektive Gewissheit, dass durch die Intervention der Geister Unmögliches möglich werden kann
• Annehmen des Wunders durch die Betroffene bzw. den Betroffenen
• Bezeugung des Wunders durch andere
Ich möchte ergänzen, dass es außer den Geistern auch und v.a. eine Persönlichkeit, einen Charakter im besten Sinne des Wortes, benötigt, um die mit Wundern in Verbindung stehenden Herausforderungen, Veränderungen und Transformationen bewältigen und umsetzen zu können.
Wie immer geht es also um eine Partnerschaft zwischen Geistern und Menschen.
Roland Urban

Quellen
(1) Uccusic, Paul (1979): Naturheiler: Probleme und Erfolge am Rande der Schulmedizin. 2. Aufl. Genf: Ariston. S. 58.
(2) Für weitere Informationen siehe http://www.neurologie.uni-goettingen.de/index.php/charcot-marie-tooth.html oder auch http://www.dgm.org/muskelerkrankungen/neurale-muskelatrophie-hmsncmt.
(3) Harner, Michael J. (1996): Shamanic Healing: We are not alone. Alternative Therapies. Vol. 2, No. 3. 69-75. S. 75.

Dieser Artikel repräsentiert eine gekürzte und modifizierte Fassung des Originals: Lugstein, Teresa, Urban, Roland (2014): An Ongoing Miracle: A Firsthand Report of Personal Experiences. Shamanism Annual, December 2014, Issue 27, 7-10.

Teresa Lugstein ist Mädchenbeauftragte des Landes Salzburg, freiberufliche Sexualpädagogin und dipl. Erwachsenenbildnerin.
Mag. Roland Urban ist Geschäftsführer der Foundation for Shamanic Studies.